Ursprünge - Der Schwarze Tod

Seit dem frühen 14. Jahrhundert beginnt sich die Lage der Juden in den Städten der heutigen Schweiz allmählich zu verschlechtern. Auf Betreiben der Bettelorden verbreiten sich über deren Hasspredigten im Volk die alten, absurden Verleumdungen und Vorurteile der Brunnenvergiftung, der Ritualmorde, Hostienschändungen und ganz allgemein der Feindschaft gegenüber der Christenheit. Der Rechtsschutz, zu dem die Städte gegen hohe Bezahlung verpflichtet sind, bleibt zwar vorerst noch wirksam. So tritt 1345 Basel einem Landfriedensbündnis bei, das sich gegen aufrührerische Bauern im Elsass richtet, die wahllos Juden verfolgen. Und 1347 schickt Basel adlige Herren, die sich an Juden zum Zwecke der gewaltsamen Schuldentilgung vergangen haben, in die Verbannung. Trotz zunehmender Schikanen und Anfeindungen bleiben die Juden im Gebiet der heutigen Schweiz vor schweren Verfolgungen, wie sie sich damals in England, Frankreich oder Spanien abspielen, einstweilen verschont.

Konkurrenz. Gefährlich wird den Juden aber nach 1300 das Aufkommen des von Christen betriebenen Kreditwesens. Da das kanonische Zinsverbot keine Beachtung mehr findet, sind es nun christliche Bankiers, die sich zunehmend des Geldverleihs annehmen. Anfänglich reiche Zuwanderer aus Oberitalien („Lamparter“) und Südfrankreich („Kawertschen“), später einheimische Angehörige der reichen, städtischen Oberschicht betreiben Kreditgeschäfte in grossem Stil und empfinden die Tätigkeit der Juden als lästige Konkurrenz. Da diese christlichen Bankiers etwa durch eine starke Vertretung im Rat über politischen Einfluss verfügen, erwächst den Juden eine steigende Bedrohung.

Pest. Das Unheil bricht über die Juden 1348/49 wegen des „Schwarzen Todes“ herein, der ersten europäischen Pestepidemie seit dem Ausgang der Antike. Begünstigt durch die unhygienischen Zustände in den mittelalterlichen Städten breitet sich die durch Ratten und Flöhe übertragene Seuche rasend schnell aus und rafft grosse Teile der Bevölkerung dahin, auch wenn die überlieferten Zahlen der Toten einer kritischen Überprüfung nicht standhalten.

Sündenböcke. In völliger Ahnungslosigkeit über die Ansteckungsmechanismen und in magisch-religiösen Vorstellungen verhaftet, sucht man Sündenböcke und vermeintliche Urheber. Jetzt schlägt die Stunde der Bussprediger und Fanatiker. Dass die wahnwitzige Behauptung, die Juden hätten als angestammte Feinde der Christenheit die Seuche durch das Vergiften der Brunnen ausgelöst, bei der zu Massenhysterie neigenden Bevölkerung auf fruchtbaren Boden fällt, liegt angesichts des allgemeinen Misstrauens gegenüber den Juden im 14. Jahrhundert auf der Hand.

Massenmord, Zwangstaufen und Vertreibung. So kommt es zu einer eigentlichen antijüdischen Verschwörung in Europa. Aus Spanien und Frankreich treffen in Bern und anderen Städten Berichte über christenfeindliche Tätigkeiten der Judenschaft ein. Die Berner teilen ihrerseits befreundeten Städten in der Schweiz und im Elsass mit, man habe bei Zofinger Juden - nach deren Folterung - Gift gefunden. Jetzt finden Konferenzen zur Abwehr der vermeintlichen Judengefahr statt. Auf der Tagung zu Benheim im Elsass beschliessen die oberrheinischen Städte und Landesherren, die Juden trotz anfänglicher Bedenken von Basel, Strassburg und Freiburg i. Br. auszutilgen. So kommt es zu grauenhaften Mordexzessen. Wo man der Juden habhaft wird, werden sie ergriffen, ohne Gerichtsurteil verbrannt oder auf andere Art ermordet. Jüdische Kinder werden zwangsgetauft. Die überlieferten Opferzahlen sind mehrheitlich übertrieben. Vielen Juden gelingt - auch mit Hilfe von christlichen Nachbarn - die Flucht. Wie dann einige Monate nach diesen Massakern über das Gebiet der Schweiz die befürchtete Pestepidemie hereinbricht, sind die jüdischen Gemeinden zerschlagen, ihre Friedhöfe zerstört, ihre Synagogen von der Obrigkeit beschlagnahmt.

Inszeniert. Dass das europaweite Pogrom vom aufgebrachten Volk ausgelöst worden sei, wie es für Basel vom Chronisten Mathias von Neuenburg behauptet wird, gilt heute als unglaubwürdig. Hinter der Vernichtung der jüdischen Gemeinden stehen die Angehörigen der städtischen Führungsschichten, die sich vom Pogrom die Ausschaltung der Konkurrenz im Kreditwesen und die Annullierung lästiger Schulden versprechen.

Neubeginn. Etwa zehn Jahre nach der Katastrophe bilden sich in den Städten neue Judenniederlassungen. Nachgewiesen sind sie in Zürich ab 1354, in Freiburg i.Ue. ab 1356, in Basel ab 1360. Andere Städte wie Bern, Biel oder Schaffhausen folgen. Bei den Zuzügern handelt es sich zum Teil um Überlebende des Pogroms von 1349 oder deren Nachkommen, die - für Basel nachgewiesen - die alten Liegenschaften wieder beziehen. Es entstehen unter städtischer Schutzherrschaft Synagogen und Begräbnisplätze. Die neuen Gemeinden zählen bis zu hundert Personen.

Das Ende. Gegen 1400 nimmt der behördliche und gesellschaftliche Druck auf die Juden zu. Die einen Gemeinden lösen sich auf, weil ihre Mitglieder wie in Basel aus Angst vor neuen Pogromen wegziehen. Vor allem aber erfolgen nun förmliche, pauschale Ausweisungen, teilweise begleitet von gewaltsamen Ausschreitungen. Die jüdischen Ärzte verlassen als Letzte die Städte. So verschwinden im Laufe des 15. Jahrhunderts alle jüdischen Niederlassungen auf eidgenössischem Territorium.

Werner Meyer, Enable JavaScript to view protected content.

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