Gedanken zu den Protesten in den USA

Die schockierenden Videoaufnahmen vom Tod George Floyds in Minneapolis haben in den USA für Entsetzen und landesweite Proteste gesorgt. Verantwortlich war ein Polizeieinsatz, der nun die tiefliegenden Probleme wie Polizeibrutalität, strukturellen Rassismus oder auch Racial Profiling an die Oberfläche zerrt.

Auch wir hier in der Schweiz haben in den letzten Tagen in die USA geschaut und verstört und teils fassungslos die Ereignisse beobachtet. Dass Menschen nur aufgrund ihrer Hautfarbe bei Begegnungen mit der Polizei fürchten müssen verletzt oder getötet zu werden, schockiert mich zutiefst. Dass dahinter ein System der Unterdrückung von Minderheiten steht, ist bedenklich und inakzeptabel.

Und doch ist es zu einfach nur über den Atlantik zu blicken und ein «amerikanisches Problem» festzumachen. Haben wir denn nicht auch in Europa und in der Schweiz ähnliche Probleme und Ungerechtigkeiten, die durch Rassismus hervorgerufen werden? Natürlich haben wir das. Rassismus und Racial Profiling sind auch hier Realität. Vielleicht ist bei uns das Ausmass nicht gleich massiv wie in den USA. Das hilft aber den Betroffenen hier wenig und darum ist es für uns alle wichtig, immer auch vor der eigenen Haustüre zu kehren.

Jeder und jede und vor allem der Staat sollte sich immer wieder fragen: Wie kann ich verhindern, dass ich nicht selbst jemanden aufgrund seiner Hautfarbe, Herkunft oder Religion diskriminiere oder verunglimpfe? Vielleicht sogar ohne es zu merken? Und was kann ich tun, um gegen jede Form des Rassismus vorzugehen? Gefordert ist beherztes Handeln. Gefordert ist die Solidarität der Gesellschaft als Ganzes. Gefordert ist letztlich aber auch die Politik und das Rechtssystem. Das wichtigste bleibt aber zweifelsohne: Nicht Schweigen. Sprechen wir über Rassismus und sprechen wir uns gegen jede Form des Rassismus aus. Immer und überall.

Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG