Eröffnungsrede an der Verleihung des Dialogpreises Schweizer Juden

29.05.2018, Bern

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

sehr geehrte Würdenträger der Kirchen und anderer Religionsgemeinschaften,

sehr geehrte Ständerätinnen und Nationalräte,

sehr geehrte Damen und Herren Botschafter,

liebe Gäste,

Wenn ich heute Abend in diesen Saal blicke, sehe ich ein sehr gemischtes, vielfältiges Publikum. In diesem Saal kommen unterschiedliche Religionen und Kulturen, unterschiedliche Positionen aus Gesellschaft und Politik zusammen. Es trifft sich eine Schweiz im Kleinen.

Die Schweiz ist ein Land der Pluralität, ein Land der Minderheiten. Eine Vielzahl von Regionen, Sprachen, Kulturen, Religionen – das ergibt die Vielfalt dieses Landes in der Mitte Europas. Was eine Stärke durch Vielfalt ist, ist aber auch eine grosse Herausforderung für den Zusammenhalt und das Zusammenstehen.

Wir leben in Zeiten, in denen dieser Zusammenhalt auf die Probe gestellt wird. Fremdenfeindlichkeit wird immer offener gezeigt. Intoleranz macht sich breit. Antisemitismus, Rassismus, Hetze gegen Anders-denkende und Anderslebende.

Wir, die Schweizer Juden und Jüdinnen, die ebenfalls immer wieder davon betroffen sind, wollen mit dem heutigen Abend ein Zeichen setzen. Wir wollen den Zusammenhalt stärken. Wir sind überzeugt, dass der Dialog ein Weg ist, um dies zu erreichen. Ja, er ist nötig und unverzichtbar, damit Menschen unterschiedlichster Lebensentwürfe zusammenfinden.

Deshalb steht heute Abend der Dialog im Zentrum.

Heute reichen wir uns die Hand.

Heute verleihen wir einen Preis,

den Dialogpreis der Schweizer Jüdinnen und Juden.

Der Anlass heute ist ein Anlass aller Jüdinnen und Juden in der Schweiz, ungeachtet ihrer religiösen Ausrichtung. In diesem Sinn begrüsse ich Sie im Namen des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes und der Plattform der Liberalen Juden in der Schweiz sehr herzlich zu diesem Abend des Dialogs.

Meine Damen und Herren,

Als Minderheit pflegen wir das Gespräch und den Austausch schon lange. Der institutionalisierte interreligiöse Dialog funktioniert gut – etwa im Schweizerischen Rat der Religionen, in den Gesprächskommissionen, an runden Tischen, wo wir einen wertvollen und vertrauensvollen Dialog führen – mit den Kirchen, mit den Muslimen. Wir sprechen natürlich auch intensiv mit den eidgenössischen Institutionen, mit der Verwaltung, der Politik, dem Bund, den Kantonen und den Städten. Da treffen wir uns, wir begegnen uns, tauschen uns aus und arbeiten an Lösungen. Das vor allem auf der Ebene der Entscheidungsträger. Viele von Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, sind solche Entscheidungsträger.

Doch damit ist es nicht getan! Der notwendige und fruchtbare Dialog muss auch die Bevölkerung, die Menschen in ihrem Alltag erreichen. Und gerade hier merken wir: Es gibt Handlungsbedarf!

Auch in der Schweiz verschärft sich der Ton gegen das Fremde, den Fremden, den Andersdenkenden, den Andersgläubigen. In den sozialen Medien, aber auch auf der Strasse. Auch hier werden Vorurteile und Hass gesät – gegen Jüdinnen und Juden, gegen Musliminnen und Muslime, aber auch gegen andere Minderheiten, gegen alles Fremde, alles vermeintlich nicht-schweizerische.

Es gibt einen gefährlichen Mix aus Unwissen, Vorurteilen, bis hin zu Hass. Dieser Mix muss durchbrochen werden! Aus diesem Grund haben wir den heutigen Anlass auf den Dialog ausgerichtet. Denn wir sind überzeugt: Die persönliche Begegnung kann alles verändern – je früher, je näher, desto besser.

Wir 18’000 Jüdinnen und Juden in diesem Land sind uns bewusst, dass dieser Dialog nicht von selber entsteht. Wir sind uns bewusst, dass wir auf die anderen zugehen müssen: In der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz und in der Freizeit, in den Vereinen und im Ausgang finden zwar Begegnungen statt, doch sie bleiben meist nur oberflächlich.

Hier müssen wir noch aktiver werden, hier müssen wir noch stärker in einen echten Dialog treten. Und wo, meine Damen und Herren, können am ehesten Vorurteile abgebaut und Verständnis gefördert wer-den? Sie wissen es – bei der Jugend. Deshalb haben wir vom SIG das Projekt Likrat entwickelt. Es ist ein Begegnungsprojekt von jungen Menschen für junge Menschen.

Bei Likrat gehen junge Jüdinnen und Juden in Schulklassen zu nicht-jüdischen Schülerinnen und Schülern, die vielleicht schon oft über Juden gesprochen haben, aber noch nie mit einem Juden zusammengetroffen sind. Eine solche Begegnung in der Klasse kann alles verändern: So werden die Juden plötzlich zu Gleichaltrigen, mit ähnlichen Interessen, Freuden oder Problemen wie nichtjüdische junge Menschen.

Es geht beim Dialog aber nicht darum, nur einfach das Gemeinsame, das Verbindende zu betonen. Nein, echter Dialog muss weiter gehen, er muss auch das Trennende ansprechen. Es ist eine Auseinander-setzung, mit dem Gegenüber und sich selbst. Nur im ehrlichen, offenen Gespräch kann man rausfinden, was das Gegenüber denkt und wie es fühlt. Im Gegenzug zwingt uns ein Dialog, uns selbst über die eigene Haltung bewusst zu werden und diese vielleicht sogar zu hinterfragen. So kommen wir zu einem besseren gegenseitigen Verständnis, ohne dass die Position des andern geteilt werden muss.

Denn:

Wir sind nicht alle gleich.

Aber wir müssen uns auf Augenhöhe begegnen!

Wir haben nicht alle die gleiche Meinung.

Aber wir müssen den Anderen mit seiner eigenen Meinung akzeptieren!

Wir müssen ein Klima des wechselseitigen Respekts schaffen, ein Klima der gegenseitigen Achtung. Und das geht nur, wenn wir einen Dialog führen.

Meine Damen und Herren,

Vielfalt ist eine Bereicherung! Aber nur dann, wenn sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen hier in der Schweiz auf das grundlegendste einigen, auf Achtung und Respekt. Als kleine Minderheit stehen wir Schweizer Juden für die Vielfalt ein. Wir stehen für den Dialog ein!

Genau für diesen Grundsatz steht der Dialogpreis der Schweizer Jüdinnen und Juden, der heute erstmals an 4 Personen verliehen wird, die in verdienstvoller Weise und mit grossem Engagement den Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften fördern.

Dass heute zu dieser Preisverleihung so viele Menschen mit unter-schiedlichsten Lebensentwürfen zusammengekommen sind, dass Bischöfe, Pfarrer, Imame und Rabbiner unter uns sitzen, sagt mehr als tausend Worte: Dieses Bild der Vielfalt ist Ausdruck des tiefen gegenseitigen Respektes und der gegenseitigen Achtung. Dieses Bild ist stärker als alle festgefahrenen Vorurteile und es eröffnet Chancen für die Gesellschaft als Ganzes.

Meine Damen und Herren,

Ich bin geehrt, dass Sie alle gekommen sind,

dass Sie, Herr Bundespräsident Berset, unter uns weilen,

wie auch all die Politikerinnen und Politiker und Botschafter im Saal.

Ich schätze mich glücklich, dass so viele Vertreter von Kirchen und Religionsgemeinschaften anwesend sind. Es verdient unseren besonderen Respekt, dass unsere muslimischen Gäste trotz Ramadan an diesem Anlass teilnehmen – ein besonderes Symbol, ein Symbol des Dialogs.

Und ich bin dankbar… Dankbar, dass wir im Anschluss gemeinsam und zusammen mit den Musliminnen und Muslimen ein Fastenbrechen feiern dürfen.

Wir werden zusammen am Tisch sitzen, zusammen essen und zusammen sprechen und diskutieren. Wir werden einen Dialog führen.

Und um genau das geht es heute Abend. Um das geht es morgen und auch übermorgen.

Ich danke Ihnen.