Ansprache anlässlich der Abdankungsfeier für Rolf Bloch

04.06.2015, Bern

Liebe Trauerfamilie, liebe Trauernde, verehrte Gäste

Es ist mit schwerem Herzen, dass ich hier und heute von Rolf Bloch Abschied nehmen muss. Ich stehe zwar als Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes SIG, des Dachverbands der jüdischen Gemeinden in der Schweiz, vor Ihnen, aber ich erlaube mir, gleichzeitig ganz persönlich zu Ihnen zu sprechen, als Freund von Rolf Bloch, dem ich so viel zu verdanken habe.

Nicht nur für die jüdische Gemeinschaft, sondern für die ganze Schweiz hat sich Rolf Bloch mit ganzer Kraft und mit grösstem Erfolg eingesetzt. Als Präsident des SIG, und gewissermassen als Rolfs Nach-Nachfolger ist es mir aber ein Herzensangelegenheit, in erster Linie seinen grossen Einsatz für das zu würdigen, was ich „jüdische Anliegen“ nennen würde. Nicht nur während seiner acht Jahre als SIG-Präsident, sondern während seines ganzen Lebens hat Rolf sich unermüdlich auf den unterschiedlichsten Ebenen für unsere Gemeinschaft engagiert – und zwar bis zuletzt, bis kurz vor seinem Tod.

Noch vor wenigen Monaten hat er mich wegen der Gurlitt-Sammlung kontaktiert. Er wollte, dass die Schweizer Juden bei der Übergabe der Bilder an das Berner Kunstmuseum und der Aufarbeitung der Sammlung involviert werden. Rolf Bloch hat sich im Hintergrund für eine vernünftige und faire Lösung eingesetzt. Er hat mich mit Entscheidungsträgern zusammengebracht und mir seine Einschätzung der ganzen Causa Gurlitt dargelegt. Rolf war für mich seit Jahrzehnten ein wertvoller Berater, zuerst als ich als Anwalt eine grosse Zahl von Erben von Holocaust-Opfern vertrat, die Ansprüche an Schweizer Banken und Versicherungen stellten, und seit 7 Jahren, seit ich den SIG leite. Sein Urteil war mir immer wichtig. Oft habe ich ihn um seinen Rat gefragt in Dingen, in denen mir ein Entscheid schwer fiel. Da hat er mir immer wieder gesagt, dass das Abwägen – und das hat er immer mit dieser Handbewegung gezeigt – und das richtige Entscheiden für ihn auch oft schwierig war. Manchmal glaubte ich fast zu hören, was ihm bei der Geste durch den Kopf ging: „Wenn mir das e so mache, sie die einte zfride, die andere aber gar nid. Wemrs e so mache, sie die andere zfride, die einte aber weniger.“ Das Schöne an seinen Ratschlägen war, dass, wenn ich mich einmal doch anders entschied, was freilich selten geschah, er überhaupt keine Probleme damit hatte. Im Gegenteil, er sagte mir immer: „Herbert, ich würdi so entscheide, aber Du muesch tue, was Du für richtig haltisch.“ Das war wohltuend.

Sein politisches Gespür für das Machbare und sein analytisches Denken, sowie seine Kenntnisse der Schweizer Geschichte, Politik und Kultur, haben mich immer wieder beeindruckt, ja fasziniert. Es waren diese Fähigkeiten – und seine bescheidene, aufmerksame, aber gleichzeitig entschlossene und sachorientierte Art- dank deren er das, wie er es nannte, „SIG-Schiff“ souverän durch unruhige Zeiten steuerte. Die Turbulenzen, durch die er den SIG in seiner Amtszeit manövrierte, waren um einiges grösser, als er sich das bei seinem Amtsantritt 1992 wohl vorgestellt hatte. Es war aber nicht so, dass er die Aufgabe unterschätzt hätte. 1992 liess sich schlicht nicht erahnen, was auf den SIG und seinen Präsidenten zukommen würde. Rolf kannte den SIG bei Amtsantritt natürlich bereits sehr gut: Schon seit 1985 war er Mitglied im Centralcomité des SIG und später in der Geschäftsleitung, auch als langjähriger Berner Gemeindepräsident war ihm der Gemeindebund bestens vertraut.

Die ersten Amtsjahre als Präsident waren stark geprägt von der Diskussion und die Volksabstimmung über die Rassismusstrafnorm, die 1995 in Kraft getreten ist. In der Vorbereitung des Gesetzes und im Abstimmungskampf spielte der SIG eine bedeutende Rolle. Rolf agierte vor allem im Hintergrund und liess seine Kontakte spielen. Er schmiedete erfolgreich Allianzen zwischen verschiedenen Befürwortern. Rolf hatte schon früh erkannt, wie wichtig, ja unverzichtbar für die Schweiz diese Strafnorm ist, die seit ihrer Erschaffung bis heute leider immer wieder Angriffen von rechts ausgesetzt ist. Bis zu seinem Tod hat er sich stets für ihre unveränderte Beibehaltung stark gemacht.

Parallel zu der Arbeit für die Rassismusstrafnorm setzte sich Rolf dafür ein, das umfangreiche SIG-Archiv ins Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich zu überführen. Dass die SIG-Materialien in professionelle Hände übergeben und so für die historische Forschung nutzbar gemacht wurden, war ihm ein ganz wichtiges Anliegen, das er teils auch gegen interne Widerstände verteidigte. Man spürte, dass ihn seine eigene Geschichte, die schwierigen Jahre während des Zweiten Weltkriegs, stark geprägt hatte. Nicht zuletzt dank seiner Fürsprache übergaben andere jüdische Organisationen, Gemeinden und Privatpersonen ihre Archive und Nachlässe dem Archiv für Zeitgeschichte. Folgerichtig war Rolf auch 1995 Gründungspräsident der „Stiftung Jüdische Zeitgeschichte an der ETH Zürich“.

Wie hilfreich die wissenschaftliche Archivierung war, zeigte sich bereits kurz nach der Übergabe der gesamten Materialien: Die vom Bundesrat eingesetzte unabhängige Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg (Bergier-Kommission) nutzte die mittlerweile aufgearbeiteten Archive mit grossem Gewinn.

Kurz, nachdem Rolf Bloch sich daran gemacht hatte, die Quellen der Vergangenheit für die Zukunft zu sichern, entbrannte die hitzige Debatte um die nachrichtenlosen Vermögen von Holocaust-Opfern und die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg – Stichworte: Flüchtlingspolitik und Nazi-Raubgold. Plötzlich stand Rolf als Präsident des Dachverbands der Schweizer Juden im Licht der Weltöffentlichkeit. Er hatte diese Rolle nicht gesucht. Dennoch meisterte er sie souverän. So ist es verständlich, dass der Bundesrat ihn bat, die Schweiz als Mitglied der Schweizer Delegation an der Londoner Naziraubgold-Konferenz zu vertreten.

Von allen Seiten wurde damals auf ihn eingeredet und an ihm herumgezerrt. Da waren die jüdischen Organisationen und Anwälte aus den USA: Unterstützt von amerikanischen Politikern, machten sie der Schweiz und ihren Banken berechtigte, teilweise aber auch unqualifizierte Vorwürfe, forderten Wiedergutmachung und drohten mit Milliardenklagen. Da war die offizielle Schweiz, die sich gezwungen sah, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und grosse Verfehlungen einzugestehen, die aber zum Teil auch ungerechtfertigte Kritik einstecken musste. Die Banken und Versicherungen mussten hartherziges, egoistisches Verhalten zugeben, ihre Archive öffnen und schliesslich einen Kompromiss eingehen. Die Schweizer Juden gerieten in dieser oft aggressiv geführten Debatte zwischen Stuhl und Bank.

In dieser angespannten Situation, die von den Medien in der Schweiz, vor allem aber auch im Ausland, immer stärker skandalisiert wurde, blieb Rolf Bloch ruhig und überlegt. Er fand die richtigen Worte, um einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen zu ermöglichen: „Gerechtigkeit für die Juden, Fairness für die Schweiz“. Als er vom Bundesrat noch als Präsident des „Schweizer Spezialfonds zugunsten bedürftiger Opfer des Holocaust“ eingesetzt wurde, war es für ihn ganz wichtig, dass nicht nur jüdische Überlebende, sondern auch Roma aus dem Fonds entschädigt wurden.

Dass in der Auseinandersetzung über die nachrichtenlosen Vermögen schlussendlich ein Vergleich zwischen den jüdischen Interessenvertretern und den Banken zustande kam, war nicht zuletzt auch Rolfs Verdienst. Wer wie ich damals diesem Thema sehr nahe stand, weiss nur zu gut, wie schwierig es war, zwischen den verschiedenen Handlungsoptionen abzuwägen, und ich bewundere Rolf, wie er es geschafft hat, zwischen den verhärteten Fronten einen Kompromiss zu ermöglichen.

Ein grosses Anliegen war Rolf während seiner Zeit beim SIG auch der jüdisch-christliche Dialog. Für seine Verdienste in diesem Bereich wurde ihm gleich zweimal die Ehrendoktorwürde verliehen, 1998 vom Babson College in Boston und im Jahr 2000 von der christkatholischen Fakultät der Universität Bern. Er bereiste auch mit Vertretern der Schweizer Bischofskonferenz und des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds Israel. Dabei verstärkte er seine guten Beziehungen zu seinen christlichen Gesprächspartnern und weckte gleichzeitig Verständnis für Israel, das ihm sehr am Herzen lag: Rolf war nicht nur ein stolzer Berner und Schweizer, sondern fühlte sich zeitlebens auch Israel stark verbunden. So war er auch viele Jahre Vizepräsident der Gesellschaft Schweiz Israel und Präsident der Handelskammer Schweiz Israel.

Rolf war aber auch international in jüdischen Belangen äusserst aktiv und einflussreich. Dazu verhalfen ihm vor allem seine Funktionen als Vizepräsident des European Council of Jewish Communities und als Vizepräsident des European Jewish Congress.

So viel wäre noch über Rolfs jüdisches Engagement zu berichten, so zum Beispiel dass er den Verein „Schweizer Freunde von Yad Vashem“ gründete und präsidierte. Die Erinnerung an den Holocaust war für Rolf sehr, sehr wichtig, vor allem auch die Vision, dass diese Zeit nicht vergessen werden darf und sich solche Gräuel nie wiederholen dürfen.

Es beeindruckt mich zutiefst, was Rolf in seinem Leben alles für die jüdische Gemeinschaft geleistet hat – umso mehr, wenn man bedenkt, dass er parallel dazu über 50 Jahre höchst erfolgreich in der Camille Bloch Schokoladenfabrik gewirkt hat. Er war ein Patron im besten Sinne des Wortes, und konnte das Unternehmen, das er schon von seinem Vater übernommen hatte, seinen Söhnen im besten Zustand übergeben. So wie ich mir von seinen damaligen Kollegen in der Geschäftsleitung und von Mitarbeitern des SIGs sagen liess, war er auch im SIG ein wahrer Patron. Er holte Meinungen ein, hörte gut zu, und entschied schliesslich mit grosser Verantwortung als Präsident. Dass er bei seiner politischen und beruflichen Arbeit ganz auf die Unterstützung seiner lieben Frau Michelle zählen durfte, muss ich hier auch unbedingt erwähnen, da es Rolf war, der es mir immer wieder mit einem Ausdruck der Bewunderung und Dankbarkeit über Michelle sagte.

Wenn ich nachzuvollziehen versuche, was Rolf alles in seinem Leben geleistet hat, wie tief die Spuren seines Handelns und seiner Arbeit sind, dann kommt mir das jüdische Konzept von „Tikkun Olam“, nach der Verbesserung der Welt zu streben, in den Sinn. Eine Verbesserung der Welt kann nur anstreben und erreichen, wer über einen einwandfreien moralischen Kompass verfügt. Dass Rolf die Welt verbessert hat, steht ausser Frage – ebenso sein moralischer Kompass, sein Streben nach Gerechtigkeit, sein Respekt gegenüber allen Menschen, seine Nächstenliebe und sein Anstand. Rolf verfolgte seine Ziele stets mit einer grossen Ernsthaftigkeit. Die Ziele waren aber nie nur seine persönlichen, sondern grössere, höhere Ziele, die über ihn hinausreichten. Es ging ihm immer um die Sache, nie um seine Person.

Trotz seiner Erfolge als Unternehmer und seiner Verdienste für die Schweizer Juden und die Schweiz ist Rolf stets am Boden und bescheiden geblieben. Ich bin verschiedentlich mit ihm in Bern unterwegs gewesen. Da fiel mir immer auf, wie gut er die Berner kannte, und vor allem aber auch, wie gut sie ihn kannten. „Grüessech Herr Bloch“, tönte es von vielen Seiten, wenn wir über den Markt vor dem Bundeshaus gingen. Rolf grüsste alle Marktfrauen freundlich zurück. „Grüessech, Herr Bloch“ tönte es auch, wenn wir zusammen im Bundeshaus oder danach in einem Café waren. Dass er im Bundeshaus auch von vielen National- und Ständeräten, sowie von Bundesräten, mit denen er per Du war, begrüsst wurde, schien geradezu selbstverständlich. Ganz Bern kannte und mochte Rolf, hatte ich den Eindruck, und Rolf kannte und mochte ganz Bern.

Das Medieninteresse, das sein Tod letzte Woche hervorgerufen hat, ist überwältigend. Es zeigt, dass sein Wirken weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus wahrgenommen und geschätzt wurde. Für seinen Einsatz empfinde ich grosse Dankbarkeit.

Rolf Bloch hat in seinem Leben Grossartiges geleistet. Für die Juden – und für die Schweiz. Dementsprechend gross ist die Lücke, die er hinterlässt, bei Euch, liebe Familie Bloch, bei uns allen. Das, was er in seinem Leben angestrebt und erreicht hat – mehr Gerechtigkeit und somit eine bessere Welt - bleibt bestehen. Wir werden ihn nie vergessen. Rolf ist und bleibt für uns alle ein grosses Vorbild.

Der Trauerfamilie, Dir Michelle, Deinen Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln, und den weiteren Familienangehörigen, wünsche ich, im Namen der ganzen SIG-Familie, viel Kraft, um den schmerzlichen Verlust zu ertragen. .