Rabbiner

Der Rabbiner ist das geistige Oberhaupt der jüdischen Gemeinde. Seine Position und Funktion können teilweise mit denjenigen eines Pfarrers verglichen werden; sie unterscheiden sich aber auch wesentlich von ihnen.

Der Rabbiner hat primär zwei Funktionen: er ist Lehrer und religionsgesetzliche Autorität. Das bedeutet, dass er einerseits die Aufgabe hat, sowohl Kindern wie Erwachsenen Wissen zu vermitteln, sei es in formalem Unterricht oder auf informale Art und Weise. Andererseits ist es wesentlicher Teil seiner Aufgabe, religionsgesetzliche Fragen zu entscheiden. Das jüdische Leben ist geprägt von einer überaus grossen Zahl an religiösen Vorschriften, die alle Aspekte des menschlichen Lebens betreffen. Alle Fragen der religionsgesetzlichen Praxis werden an den Rabbiner gerichtet, und es ist seine Pflicht, die Fragen zu beantworten. Ein grosser und bedeutender Teil der Ausbildung des Rabbiners dient der Vorbereitung auf diesen Teil seines Amtes, und die Ordination des Rabbiners, die ihm zum Abschluss seiner langjährigen Ausbildung erteilt wird, gibt ihm das Recht, als religionsgesetzliche Autorität zu wirken. Dieser Teil der Funktion des Rabbiners ist kaum mit derjenigen eines Pfarrers vergleichbar.

Der Rabbiner ist aber auch „Seelsorger“. Dieser Begriff wird zwar zur Beschreibung der Aufgaben des Rabbiners kaum verwendet, weil er eine Funktion des Pfarrers beschreibt, die direkt von der christlichen Pastoraltheologie geprägt ist. Er kann aber auch in Verbindung mit Rabbinern verwendet werden, da er teilweise doch zutrifft. Der Rabbiner ist die Person, an welche sich Juden mit ihren ganz persönlichen Lebensfragen wenden und von welcher sie Beistand und Unterstützung erwarten können. Er wird ihnen zuhören, er wird ihnen Mitgefühl und Verständnis zeigen, und er wird ihnen helfen, ihre Probleme zu lösen.

Heute gehört es auch zu den zentralen Aufgaben des Rabbiners, dass er während des Gottesdienstes in der Synagoge eine Predigt oder einen Lehrvortrag hält. Die Predigt ist aber erst in der Moderne in den jüdischen Gottesdienst aufgenommen worden, früher lief der jüdische Gottesdienst ohne Predigt ab. In einigen Synagogen ist es auch heute noch so. Das zeigt, dass der Ablauf des Gebetes in der Synagoge nicht auf die Anwesenheit eines Rabbiners angewiesen ist. Auch das ein Unterschied zwischen dem Rabbiner und Pfarrer.

Bei allen Aufgaben des Rabbiners steht die persönliche Beziehung zu den Gemeindemitgliedern im Mittelpunkt. Es ist Aufgabe und Ziel des Rabbiners, zu jedem Mitglied seiner Gemeinde ein besonderes, individuelles Verhältnis zu entwickeln. Mit Hilfe dieser persönlichen Beziehung wird er in seiner Gemeinde als Prediger, Seelsorger, religionsgesetzliche Autorität und Lehrer wirken.

Im zeitgenössischen Judentum finden sich unterschiedliche Strömungen. Es gibt ein „Orthodoxes Judentum“ und ein „Reformjudentum“ - auch „Liberales“ oder „Progressives Judentum“ genannt. Die meisten jüdischen Gemeinden identifizieren sich mit einer dieser Strömungen. Position und Funktion des Rabbiners weichen in den Gemeinden der verschiedenen Strömungen recht stark voneinander ab. Jede Strömung hat deshalb ihre eigenen Rabbinerseminare, in welchen sie die zukünftigen Rabbiner - und z.T. Rabbinerinnen - auf ihre Tätigkeit in den unterschiedlichen Gemeinden vorbereiten. In einem Rabbinerseminar wird die rabbinische Ausbildung mit einem akademischen Studium verbunden sein, im anderen nicht; die einen Rabbiner werden mehr auf ihre Funktion als Prediger, die andern mehr als religionsgesetzliche Autorität vorbereitet.

Das hier Beschriebene gilt v.a. für die Rabbiner der jüdischen Gemeinden ausserhalb Israels. Das jüdische Leben in Israel ist komplett anders strukturiert. Da dort der grösste Teil der Bevölkerung jüdisch ist, braucht es keine „jüdischen Gemeinden“ als Begegnungsort der Juden. Es gibt natürlich auch in Israel viele Rabbiner, sie haben dort aber ganz andere Aufgaben.

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass auf Deutsch die Bezeichnung „Rabbiner“ die richtige ist. „Rabbi, Raw, Reb, Rebbe“ sind in verschiedenen Zusammenhängen auch zu hören, sind aber Fremdwörter aus dem Hebräischen und Jiddischen.

David Bollag, Enable JavaScript to view protected content.

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