La Chaux-de-Fonds

Das Gründungsdatum der Gemeinde markiert die ersten organisierten Gottesdienste zu Rosh Hashanah (dt. Neujahrsfest) und zu Jom Kippur (dt. Versöhnungstag) in einem Privathaus. Jüdische Anwesenheit in La Chaux-de-Fonds ist ab 1796 durch Quellen belegt, kann aber schon in den 1780er Jahren vermutet werden; es handelte sich dabei um Händler aus dem Elsass, denn schon 1782 forderten Handelsleute aus La Chaux-de-Fonds, le Locle und weiteren Ortschaften in der Umgebung die Unterbindung des jüdischen Handels sowie die Ausweisung der Juden. Dagegen lehnten sich über 800 ebenfalls christliche Einwohner auf, welche die Anwesenheit der Juden für den Handel als förderlich betrachteten.

1790 wurden die Juden schliesslich aus dem damals noch preussischen Fürstentum Neuenburg ausgewiesen, es wird vermutet, dass die Juden in la Chaux-de-Fonds diesem Beschluss keine Folge leisteten. 1819 wurde abermals das Aufenthaltsverbot erneuert, was in La Chaux-de-Fonds wiederum nicht befolgt wurde. Die Zahl der ansässigen Juden war aber bis in die 1830er Jahre sehr klein (ca. sechs Familien). Ab den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gelangten vermehrt Juden aus dem Elsass als Vieh-, Tuch- und Uhrenhändler in die Kleinstadt. In diesen Jahrzehnten verspürten die Stadt und die Region auch den ersten bedeutenden Aufschwung in der Uhrmacherei. Die ansässigen Juden begannen vermehrt mit Uhren(teilen) zu handeln und stiegen über den Handel langsam in die eigentliche Produktion ein.

1843 gelangte die kleine Gemeinde (die jüdische Bevölkerung war auf ca. 65 Personen angewachsen) mit der Bitte eine Synagoge eröffnen zu dürfen an die Regierung und richteten, nach erfolgter Bewilligung, in einer Mietwohnung an der rue Jacquet-Droz ein grösseres Betlokal ein. Die Leitung des religiösen Lebens übernahm der erste Präsident der Gemeinde, M. J. Grünsfelder; Rabbiner Moïse Nordmann aus Hegenheim (elsässischer Nachbarort von Basel) wurde mit der rabbinischen Leitung betraut. (Nordmann betreute die Gemeinden Hegenheim, sein Wohn- und hauptsächlicher Wirkungsort, Basel, Bern und La Chaux-de- Fonds.)

Auf Beschluss des Gemeinderates konnten sich die Juden in La Chaux-de-Fonds ab Mai 1857 frei niederlassen, ein Jahr später erhielten die jüdischen Gemeinden im Kanton Neuenburg die Möglichkeit als Staatskirche anerkannt zu werden, welche jedoch, aus Angst vor Einmischung in kultische und religiöse Belange, von jüdischer Seite abgelehnt wurde. 1861 führte eine wirtschaftliche Krise in der Uhrenindustrie zu heftigen antisemitischen Ausschreitungen, welche eine Reihe von Gemeindemitgliedern zum Verlassen des Ortes bewogen.

Dennoch verfestigte sich die Gemeinde, und zwar nicht nur durch das kontinuierliche Anwachsen der jüdischen Bevölkerung (1850: 231; 1860: 283; 1880: 541), sondern auch durch die Gründung von Wohltätigkeitsorganisationen (‚Société des dames‘, 1854 und ‚La Bienfaisante‘ 1862) und die Einführung von religiösem Unterricht (1860). 1863 wurde die neu erbaute Synagoge an der rue de la Serre und ein Jahrzehnt später (1872) der Friedhof eingeweiht, so dass die Toten nicht länger in Hegenheim beerdigt werden mussten.

In diesen Jahrzehnten der Festigung änderte sich auch die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation der ansässigen Juden; ein Wandel, der eng mit dem Aufschwung und der Urbanisierung der Stadt zusammenhing. La Chaux-de-Fonds entwickelte sich zu einem der weltweit führenden Uhrenzentren des 19. Jahrhunderts. Die ursprünglich als Händler eingewanderten Juden fanden den Weg in die Uhrenproduktion, und mit dem Aufschwung des Ortes, an dem sie nicht unbeteiligt waren, entwickelten sich aus einigen der kleinen Ateliers erfolgreiche Unternehmen mit eigenen Fabriken. Der Erfolg zog weitere Zuwanderer an, so dass die Gemeinschaft um die Jahrhundertwende über 900 Personen zählte.

Die Synagoge von 1863 war für die Bedürfnisse der Gemeinde bald nicht mehr ausreichend, so dass 1883 ein Architekt mit der Planung einer neuen Synagoge beauftragt wurde. Antisemitische Ausschreitungen 1885 verhinderten die Ausführung; erst 1896 wurde die neue (heute noch bestehende) Synagoge an der rue du Parc mit grossen Feierlichkeiten und unter Anwesenheit von zahlreichen Ehrengäste aus Politik und Kultur eingeweiht. Schon 1888 wurde Jules Wolff als neuer Rabbiner gewählt, denn die Betreuung durch den Hegenheimer Rabbiner war für die Gemeinde nicht mehr ausreichend.

Der Beginn des 20. Jahrhunderts war geprägt durch das Anwachsen der Uhrenbetriebe. Einige der jüdischen Uhrmacher erlangten mit ihren Erfindungen Weltruhm, andere engagierten sich sehr stark für das kulturelle und sportliche Leben der Stadt.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten beunruhigte die Gemeinde stark, und nach Kriegsbeginn wurden mehrmals grössere Summen Geld gesammelt, um Flüchtlinge zu unterstützen. Da aber nicht alle Gemeindemitglieder die schweizerische Staatsbürgerschaft angenommen hatten, befanden sich einige in direkter Gefahr. So gelang in mindestens einem Fall die Rückkehr aus Frankreich in die Schweiz nur durch einen ‚illegalen‘ Grenzübertritt und hatte eine kurzzeitige Internierung in einem schweizerischen Lager zur Folge.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts nahm die Zahl der Gemeindemitglieder stetig ab. Die grosse Krise der schweizerischen Uhrenindustrie (1970-1985) liess viele der renommierten Firmen verschwinden. Die jüdische Gemeinde La Chaux-de-Fonds zählt heute noch ca. 100 Mitglieder.

Stefanie Mahrer, Enable JavaScript to view protected content.

Literatur

Barrelet, Jean-Marc: "Antisémitisme et révolte ouvrière. L'émeute Bièler à La Chaux-de-Fonds en 1861 " in: Musée Neuchâtelois, no. 1, 1983, S. 97-118. Weil, André R. und Communauté israélite (La Chaux-de-Fonds): Communauté israélite de La Chaux-de- Fonds cent-cinquantième anniversaire, 1833-1983, La Chaux-de-Fonds 1983.

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