Genf

Die Geschichte der zweitgrößten jüdischen Gemeinde des Landes mit fast 4400 Mitgliedern (Volkszählung 2000) ist durch die politische und geographische Lage der Stadt Genf beeinflusst.

Im Mittelalter. Die ersten Anzeichen jüdischer Präsenz in Genf stammen aus den Jahren 1281 und 1282, aber erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts entstand eine - seit 1396 urkundlich belegte - jüdische Gemeinde. Ab 1428 wurde den Juden auferlegt, sich im Judenviertel „Cancel“ oder „Juiverie“ anzusiedeln, das im Bereich der heutigen Rue des Granges und dem Platz Grand-Mézel lag. Am 28. Dezember 1490 ordnete der Stadtrat Genf ihre Ausweisung an.

Ansiedlung in Carouge Ende des 18. Jahrhunderts. Da Juden in Genf weiterhin unerwünscht waren, liessen sich einige von ihnen um 1780 in der Nachbargemeinde Carouge nieder. Nachdem Carouge 1754 von Genf an das damalige Königreich Sardinien abgetreten worden war, verfolgte der König Pläne, Carouge zu vergrößern und zu einer katholischen Stadt zu machen, welche es an Bedeutung mit dem französischen Versoix und dem protestantischen Genf aufnehmen konnte. Religiöse Toleranz wurde zunächst gegenüber Protestanten, später aber auch gegenüber Juden geübt. So entstand nach und nach eine jüdische Gemeinde in Carouge, die hauptsächlich durch die Ankunft elsässischer Juden verstärkt wurde. Sie errichtete eine Gebetsstätte, ein rituelles Bad und erwarb einen Friedhof (Konzession 1801 ratifiziert).

Rückkehr nach Genf im 19. Jahrhundert. Mit der Annektierung der Savoie 1792 fiel Carouge an Frankreich, und die Juden wurden französische Staatsbürger. 1816 wurde die Stadt jedoch in den neuen Kanton Genf eingegliedert. Die Genfer Staatsangehörigkeit, zunächst nur christlichen Einwohnern zugestanden, erhielten Juden erst im Jahr 1857. In der Zwischenzeit wurde die Religionsfreiheit in die neue Genfer Verfassung von 1847 aufgenommen, und 1852 erhielt die israelitische Gemeinde schließlich ihre offizielle staatliche Anerkennung. Sie zählte nun fast 66 Familienhäupter. 1859 wurde die Synagoge Beth Yaacov, welche heute unter Denkmalsschutz steht, an der Stelle früherer Befestigungsanlagen errichtet.

Friedhof auf der Grenze. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Friedhof in Carouge zu klein, jedoch gestatteten die Behörden seine Erweiterung nicht. Da die kantonalen Gesetze die Schaffung neuer konfessionsgebundener Friedhöfe nicht mehr zuliessen, konnte auch in keiner anderen Gemeinde ein Grundstück erworben werden. 1920 kam es schliesslich zu einer Vereinbarung zwischen der „Israelitischen Gemeinde Genf“ (CIG) mit der Genfer Gemeinde Veyrier und ihrer französischen Nachbargemeinde Etrembières. Die Gräber des neuen, an der Grenze liegenden Friedhofs liegen auf französischer Seite, der Eingang jedoch auf Schweizer T erritorium.

Zweiter Weltkrieg. Die Jahre 1920 bis 1930 sind durch zunehmenden Antisemitismus geprägt. Während des Krieges war Genf dank seiner Grenznähe für Schlepper, welche jüdische Flüchtlinge in die Schweiz einschleusten, beliebt. Zahlreiche dieser Flüchtlinge wurden allerdings zurückgewiesen.

Vielfalt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich ein Wandel in der Gemeinde der Genfer Juden ab. Zur ersten Generation elsässischer Juden gesellten sich aschkenasische Einwanderer aus Osteuropa, welche prekären sozioökonomischen und politischen Bedingungen auswichen. Hinzu kamen Studenten, die wegen des auferlegten Numerus Clausus, der Juden die Immatrikulation an einer Hochschule im russischen Reich untersagte, das Land verlassen mussten. Eine weitere Gruppe kam aus dem Osmanischen Reich. 1916 entstand die Keimzelle einer sefaradischen Bruderschaft, der „Groupe fraternel séfaradi“. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen weitere Sefaraden aus dem Nahen Osten, sowie, nach der Dekolonisation, auch aus nordafrikanischen Ländern.

Nach der Eingliederung der Gruppe der sefardischen Juden in die CIG 1965, welche nun 580 Familien als Mitglieder aufweist, sind alle wesentlichen religiösen Richtungen in der Gemeinde vereint. Lediglich die kleine orthodoxe Gemeinde „Mahsike Hadass“ (welche der Gemeinde Agudath Achim folgte, die 1918 durch Juden aus Ungarn gegründet wurde) besteht weiterhin eigenständig. Seit 1970 ist eine Tendenz zur Diversifizierung im Genfer Judentum zu erkennen. Die Liberale Israelitische Gruppe (später Liberale Israelitische Gemeinde Genf - GIL) wurde 1970 gegründet. Ende der 80er Jahre etablierte sich die Lubawitscher Bewegung „Beth Chabad“. Diese Pluralität zeichnet sich heute durch nicht weniger als sieben Synagogen oder Betsäle aus. Genf verfügt über jüdische Kindergärten, zwei jüdische Schulen (Girsa und Chabad) und ein jüdisches Altersheim (Les Marroniers).

Laurence Leitenberg, Enable JavaScript to view protected content.

Literatur

DAEL, Direction du patrimoine et des sites, Un lieu pour le culte. Histoire et restauration de la synagogue Beth Yaacov de Genève (1857-1997), hors série, Genève, 2002.

GINSBURGER E., Histoire des Juifs de Carouge. Juifs du Léman et de Genève, Paris, 1923

NORDMANN A., «Histoire des Juifs à Genève de 1281 à 1780», in Revue des Etudes Juives, vol.80, Paris, 1925

PLANCON J., Histoire de la communauté juive de Carouge et de Genève, vol.1, Genève, 2008

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