Tagebuch eines Likratino – Tag 1

Heute ist mein erster Einsatz in Davos als Likratino. Für das Likrat Public Sommerprojekt werde ich nun in den Schweizer Alpen zwischen jüdischen Gästen und Einheimischen vermitteln helfen. Ich bin gespannt, was mich hier erwartet.

Mein Reiseziel heute ist Davos in den Bündner Bergen. Ich steige aus dem Zug und werde sogleich von der beeindruckenden Landschaft empfangen. Die Alpen bilden eine imposante Kulisse. Die Berge erheben sich auf beiden Seiten des breiten Tals in die Höhe und so klaffen auch die Bergspitzen weit auseinander. Ich frage mich, inwiefern auch die Vorstellungen der Einheimischen und der jüdischen Touristen auseinanderklaffen. Das Likrat Sommerprojekt gibt es ja wohl nicht ohne Grund.

Erste Gespräche

COVID-19 gibt auch in den Bergen den Takt an und beeinflusst die Besucherzahlen stark. Die Destination Davos Klosters erwartet dieses Jahr im Vergleich zum letzten nur etwa ein Drittel der jüdischen Gäste. Es regnet draussen und es sind im Gegensatz zu anderen Tagen nur jeweils eine Handvoll Menschen auf der Strasse am Flanieren. Im Tourismuszentrum stelle ich mit Likratino Dani einen Info-Tisch auf und lege die Informationsbroschüren des Projekts auf. Ich sehe, wie eine Frau auf die Broschüren schielt und ich packe die Gelegenheit für mein erstes Likratgespräch. Seit 36 Jahren sei Davos der Ferienort ihrer Wahl. Ich müsse ihr auch nicht erklären, um was es geht, sagt sie mir. Sie habe es nämlich schon letztes Jahr sofort mitbekommen und unseren Ansatz als wirksam in Erinnerung. Als «eine tolle Initiative» fasst sie das Likrat Sommerprojekt zusammen.

Eine weitere Frau schaut die Broschüren genauer an. Auch dieses Mal kommen wir ins Gespräch. Sie wirkt leicht irritiert, als Likratino Dani ihr das Projekt erklärt. Beim Wort Juden erheben sich ihre Augenbrauen. Dieses Thema oder die Kultur scheinen ihr fremd zu sein. Doch vielleicht konnten wir ihr diese etwas näherbringen. Auch wenn nur ein Stück.

Wie die Bündner Berge, so die Menschen

Mein erster Tag als Likratino geht schnell zu Ende. Die Spitzen der Bündner Bergen, die ich bei meiner Ankunft sah, kommen mir in den Sinn. Das Verhältnis zwischen ihnen scheint jenem zwischen den jüdischen Gästen und den Einheimischen zu gleichen. So ist es eine Frage der Perspektive, ob es sich um zwei unterschiedliche Bergspitzen handelt, die weit voneinander in die Höhe ragen und ganz unterschiedlich aussehen. Oder es handelt sich eher um eine Einheit von Gestein, aus dem die zwei Bergen bestehen, die schliesslich durch das Tal verbunden sind. Die Likratinos und Likratinas stellen in dieser Analogie damit das Tal dar, das die beiden Gruppen verbindet. Die Bündner Berge versetzen und näher zueinander bringen können ich und die anderen Likratinos und Likratinas wohl nicht - die jüdischen Touristen und die Einheimischen hingegen schon. Davon bin ich überzeugt.

Zu Teil 2

Zu Teil 3

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