St.Gallen

Mittelalter. Für St. Gallen ist die Anwesenheit jüdischer Pfandleiher seit Ende des 13. Jahrhunderts nachgewiesen. Sie wohnten vermutlich in geschlossener Gemeinschaft in zwei Häusern an der Hinteren Brotlaube. Im Frühjahr 1349 wurden die in St. Gallen wohnhaften Jüdinnen und Juden getötet. Erst 1377 und längerfristig seit dem frühen 15. Jahrhundert finden sich wieder Belege dafür, dass einige wenige Juden in der Stadt lebten.

Neuzeit. Seit Ende des 18. Jahrhunderts und bis zur Emanzipation 1868-1874 kamen jüdische Textilhändler und Kaufleute vorwiegend aus der vorarlbergischen Gemeinde Hohenems und aus süddeutschen Gemeinden nach St. Gallen. Das kantonale Gleichstellungsgesetz trat im Mai 1863 in Kraft, und bis 1864 hatten sich fast alle jüdischen Kaufleute, die zuvor berufsbedingt regelmässig nach St. Gallen gekommen waren, mit ihren Familien in der Stadt niedergelassen. Es handelte sich um eine Gruppe von 32 Männern, davon 22 mit Familie.

Zuwanderung. Seit der Jahrhundertwende liessen sich vermehrt Jüdinnen und Juden aus dem osteuropäischen Raum in St. Gallen nieder. Aber auch die jüdische Zuwanderung aus verschiedenen westeuropäischen Staaten und aus den USA nahm kontinuierlich zu. Lange Zeit war die deutsch-jüdische Gruppe innerhalb der städtischen jüdischen Gemeinschaft am stärksten vertreten. In den Jahren 1850 bis 1920 bewegte sich der jüdische Bevölkerungsanteil in der Stadt St. Gallen zwischen 0.4 und 1.4 Prozent. Um 1910 lebten etwa 1'000 Jüdinnen und Juden in der Stadt. Zwei Drittel waren westlicher Herkunft, ein Drittel kam aus Osteuropa.

St. Gallen war ein Zentrum der Textilproduktion. Entsprechend arbeitete die Mehrheit der jüdischen Erwerbstätigen im Bereich von Textilhandel und -fabrikation. Innerhalb der Gemeinschaft bestanden lange Zeit deutliche soziale und ökonomische Unterschiede: Auf der einen Seite standen die wohlhabenden Familien aus Westeuropa und USA mit ihren Unternehmen und Fabrikationsbetrieben, auf der andern Seite die armen Trödlerinnen und Hausierer aus Russland, Polen und Galizien. Die Unterschiede und Differenzen begannen sich mit der zweiten und dritten Generation allmählich aufzuheben.

Gemeindegründung. Die beiden Gruppierungen organisierten sich unabhängig voneinander in zwei Gemeinden mit je einer eigenen Synagoge:

Im September 1863 schlossen sich die meisten der frisch Niedergelassenen zum Israelitischen Kultusverein zusammen. Ziel war die Gründung einer jüdischen Gemeinde in St. Gallen, welche 1868 ihre definitive Form gefunden hatte. Sie vertrat eine gemässigte Reform. Die Rabbiner waren Hermann Engelbert, Emil Schlesinger und Lothar Rothschild und Hermann I. Schmelzer. Die Synagoge an der Frongartenstrasse in St. Gallen wurde 1881 eingeweiht. Sie bildet noch heute das Zentrum der st. gallischen Judenheit. Neben der Einrichtung einer Synagoge, der Pflege des Gottesdienstes sowie der Einrichtung einer Religionsschule gehörte die Anlage und der Unterhalt eines Begräbnisplatzes zu den wichtigsten Aufgaben der Gemeinde. Der erste jüdische Friedhof konnte 1867 eingeweiht werden. 1913 wurde der neue jüdische Friedhof im so genannten Ostfriedhof an der Kesselhalde St. Gallen eröffnet.

Die erste jüdische Gemeinde in St. Gallen änderte ihre Bezeichnung mehrfach. Seit 1994 lautet der Name Jüdische Gemeinde St. Gallen (JGSG).

Zweite Gemeinde. Die aus Osteuropa Eingewanderten organisierten sich zunächst in verschiedenen Betgemeinschaften, den Minjans. Die Zugehörigkeit zu diesen Gemeinschaften definierte sich vorwiegend über die geografische Herkunft: Juden aus Russland, Galizien, Rumänien oder Litauen versammelten sich in je eigenen Lokalen. 1904 schlossen sich die verschiedenen Minjans in einer gemeinsamen Chewra, der Chewra Tahara Kadischa, zusammen. Deren Mitglieder gründeten 1917 die Jüdische Gemeinde Adass Jisroel St. Gallen (AJSG). Die Gemeinde bekannte sich zu einem orthodox-jüdischen Gottesdienst und errichtete 1919 eine eigene Synagoge an der Kapellenstrasse.

Abwanderung. Aufgrund der Abwanderung seit Ende des Zweiten Weltkrieges verloren beide Gemeinden zunehmend an Mitgliedern. 1952 fusionierten sie unter dem Dach der liberal- konservativen Israelitischen Gemeinde. Die Synagoge Adass Jisroel wurde abgebrochen. Heute, im frühen 20. Jahrhundert, leben etwa 150 Personen jüdischer Konfession in St. Gallen (0.2 Prozent der Gesamtbevölkerung). Davon sind rund 100 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde.

Sabine Schreiber

Literatur

Schreiber, Sabine: Hirschfeld, Strauss, Malinsky. Jüdisches Leben in St. Gallen 1803 bis 1933. Chronos. Zürich 2006 (Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz, Bd. 11).

Rechtlicher Hinweis: Dieses Factsheet darf gesamthaft oder auszugsweise mit dem Hinweis «SIG Factsheet» zitiert werden

Dieses Factsheet als PDF

Social