Jüdische Geschichte im Mittelalter

Das „Mittelalter“ in Europa umfasst die Zeit vom ausgehenden 5. Jahrhundert n.d.Z (Gründung germanischer Reiche auf den Trümmern des Weströmischen Reiches) bis zum beginnenden 16. Jahrhundert (Reformationszeit).

Nach der Vertreibung aus Palästina zogen die Juden auf den Spuren der Römer nach Norden, siedelten sich zunächst im Rhonetal, dann zwischen Rouen und Troyes, aber auch in den rheinischen Städten an. Um 1000 befand sich das Hauptsiedlungsgebiet im Dreieck Verdun, Köln, Würzburg. In manchen rheinischen Städten machte gegen Ende des Jahrtausends die jüdische Bevölkerung bis 25% aus. Sie übernahm dabei wichtige Bereiche im Handel. Die Kirche hatte sich, trotz mehrerer Konzilbeschlüsse, die die jüdische Bevölkerung von der christlichen strikt trennen sollten und damit die Grundlage für den Aussenseiterstatus der Juden legten, für eine Duldung entschieden, hoffte aber immer auch auf eine Missionierung.

Ein zweiter Siedungsschwerpunkt wurde die Iberische Halbinsel; ab Mitte des 8. Jahrhunderts lebten die Juden dort unter muslimischer Herrschaft. Zwar waren Juden den Muslimen nicht gleichgestellt, konnten aber relativ ungestört eine spezifische spanisch-jüdische Kultur entwickeln und sich in die gesellschaftlich-kulturelle Ordnung einbringen.

Juden und Jüdinnen waren zwar in Europa angekommen, das spirituelle Zentrum lag aber immer noch in Babylon. Hier sassen die Rabbis, deren religionsgesetzliche Entscheidungen als gültig anerkannt wurden. Erst um die Jahrtausendwende ging diese Autorität langsam auf Westeuropa über.

Die zwar schwierige, aber noch bis zu einem gewissen Grad berechenbare rechtliche Situation änderte sich ab dem Ende des 11. Jahrhunderts. Das Massaker von Granada (1066) und die Pogrome während des Ersten Kreuzzugs (1096-99) in den rheinischen Städten markieren den Beginn grösserer Rechtsunsicherheit und immer wieder aufflammender Pogrome. Der Schutz der jüdischen Bevölkerung wurde ab dem 11. Jahrhundert nicht mehr nur vom König oder Kaiser übernommen, die Stadtregierungen und Landesherrschaften forderten dieses Recht ebenfalls ein. Das kaiserliche Schutzrecht erfuhr noch eine Erweiterung, in dem die Juden zu „Kammerknechten des Kaisers“ erklärt wurden, doch damit ging auch das Verbot einher, Waffen zu tragen, was die Juden zu Schutzbedürftigen machte. Doch die kaiserliche Macht konnte diesen nun noch notwendiger gewordenen Schutz nicht durchgängig garantieren.

Juden übernahmen in der ökonomischen Ordnung des Hochmittelalters die Kleinhändler- und Geldverleiherrolle, was sie besonders angreifbar machte. Diese Funktion wurde durch die Bestätigung des christlichen Zinsverbots und des Verbots für Juden, handwerkliche Berufe zu ergreifen, noch verstärkt. Hinzu kam das auf dem IV. Laterankonzil 1215 erlassene Ämterverbot für Juden und der Zwang, sich in der Kleidung von den Christen zu unterscheiden. Juden waren nun nicht mehr eine besondere Gruppe innerhalb eines feudalen Herrschaftssystems, das charakteristisch starke Hierarchien kannte, sondern sie wurden durch diese Massnahmen zu Fremden, die nicht in die feudale Ordnung gehörten. Schon nach den dem Ersten Kreuzzug, aber vor allem nach den Pogromen während des Zweiten Kreuzzugs 1145 begann daher eine Migration nach Osten, vor allem Polen, da dort den Juden besser Lebens- und Arbeitsbedingungen versprochen wurden. Die polnischen Herrscher brauchten die jüdische Bevölkerung für den Aufbau einer eigenen Wirtschaft und gestanden ihnen dafür viele Freiheiten zu, die sie im Westen so nicht hatten. Die ostjüdische Lebenswelt - diese umfasste neben Polen vor allem Litauen und Russland mit Jiddisch als Lingua Franca - wurde das Zentrum eines kulturell reichen jüdischen Lebens in Europa, und auch die rabbinische Autorität ging langsam von West- auf Osteuropa über. Dies heisst aber nicht, dass in Osteuropa nicht ebenfalls Vorwürfe vor allem von Seiten der Kirche und der Kaufmannschaft gegen die Juden laut wurden, die, wie in Westeuropa, in Ausschreitungen und sogar Ermordungen von Juden und Jüdinnen mündeten.

Im Westen sorgten das Aufkommen der Ritualmordvorwürfe im 13. Jahrhundert, z.B. 1291 in Bern, und Mitte des 14. Jahrhunderts die Beschuldigung, die Pest ausgelöst zu haben, für eine Steigerung der Verfolgung. Ganze Gemeinden wurden vertrieben oder ermordet, so 1349 die Juden in Basel. Man kann von zwei immer stärker auseinanderdriftenden Polen sprechen: Auf der einen Seite versuchten die königliche Gewalt, aber auch Städte und Landesherrschaften eine grössere Rechtssicherheit herzustellen, auf der anderen Seite nahm die Gewalttätigkeit der Ausschreitungen zu, wobei auch die Herrscher selbst vor organisierten Vertreibungen nicht zurückschreckten - im Gegenteil.

Diese Ambivalenz zog sich bis zum Ende des Mittelalters hin, als sich im Deutschen Reich die Luthersche Reformationsbewegung durchsetzte, von der sich auch die Juden zunächst eine Verbesserung ihrer Situation erhofften. Doch es wurde schnell klar, dass die temporäre bessere Behandlung der Juden nur auf dem Hintergrund des Missionsgedankens zu sehen war. Gleichzeitig übernahm als Gegenpol zu den Angriffen Luthers auf die Juden Josel von Rosheim (1478-1554) als „Befehlshaber der deutschen Juden“, wie er sich nannte, die Verhandlungen für bedrohte Gemeinden. Es gelang ihm, Vertreibungsbeschlüsse rückgängig zu machen und selbst auf Reichstagen den Kaiser in Disputationen zu überzeugen, antijüdische Gesetze nicht zu ratifizieren.

Ein Blick in die jüdische Geschichte des Mittelalters wäre aber nicht vollständig, würde man nur die Verfolgungsgeschichte sehen. Es gab ein reiches kulturelles Leben der jüdischen Bevölkerung, die Texte eines Maimonides (1135-1204) zum Beispiel, die wichtige spirituelle Entwicklung der Kabbalah, dazu künstlerische Werke wie die so genannte Vogelkopfhaggadah (ca. 1300). Dies alles zeigt die vielfältige Traditionsschöpfung der jüdischen Gemeinden des Mittelalters.

Erik Petry, Enable JavaScript to view protected content.

Literatur

Friedrich Battenberg, Das Europäische Zeitalter der Juden, Band I Von den Anfängen bis 1650, Darmstadt 1990

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