Frühe Neuzeit

Mit ‚Früher Neuzeit‘ wird die Epoche zwischen Mittelalter und Moderne bezeichnet, also ungefähr die Zeitspanne vom 16. bis Ende des 18. Jh.

Genaue Epochengrenzen lassen sich in der Geschichtswissenschaft nicht festmachen. Die Frühe Neuzeit in der jüdischen Geschichte subsumiert eine Reihe von Entwicklungen und Merkmalen, welche sich von den mittelalterlichen Zuständen unterscheiden, aber auch nicht der Moderne zugerechnet werden können; man kann von einem Vermischen von mittelalterlichen und neuzeitlichen Charakteristika sprechen.

Als Wendepunkt zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit kann man die Zerstörung der mittelalterlichen Zentren des Judentums, der Iberischen Halbinsel und Deutschland, verstehen. Aus der Vertreibung heraus entstanden neue Zentren: Die sephardischen Juden liessen sich hauptsächlich in Mittelitalien, in den westeuropäischen Handelsstädten (v.a. Amsterdam und Hamburg) und im Osmanischen Reich nieder, während die aschkenasischen Juden sich grösstenteils in Norditalien, Mähren, Böhmen und Polen niederliessen.

Während der Renaissance nahmen die Juden Italiens aktiv an den kulturellen Errungenschaften Teil (Musik, Theater, jüdische Bibelexegese), zudem waren jüdische Geldverleiher und Kaufleute sehr erfolgreich. Die Schaffung von Ghettos und katholische antijüdische Propaganda zeugen aber auch von den nicht selten erfolgreichen Versuchen, die Juden an den Rand der Gesellschaft zu drängen.

Das Osmanische Reich wurde nach der Vertreibung aus Spanien (1492) zu einer sicheren Heimstätte für Juden, da von ihnen zwar eine Kopfsteuer und die Anerkennung (nicht aber die Annahme) des Islams als ‚Staatsreligion‘ gefordert wurden, sie ansonsten aber kaum religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Repressionen ausgesetzt waren. Jüdische Kaufleute pflegten so Handelsbeziehungen mit dem christlichen Europa. Der Niedergang des Reiches im 17. Jahrhundert betraf auch die ansässigen Juden, sie wurden zunehmend vom wissenschaftlichen und kulturellen Austausch mit Europa abgeschnitten.

Amsterdam war der zweite Zufluchtsort der iberischen Juden, viele von ihnen trafen getauft (als sogenannte Marranen) in der Stadt ein, kehrten aber nach der Anerkennung der jüdischen Gemeinschaft 1615 auch offiziell zu ihrem Glauben zurück. Amsterdam wurde in der Folge zu einen Zentrum der sephardischen Kultur und jüdischen Wissenschaft; der bekannteste Amsterdamer Jude war der (aus der jüdischen Gemeinde verbannte) Philosoph Baruch Spinoza (1632-1677).

Im Königreich Polen genossen die Juden eine weitgehende wirtschaftliche und kulturelle Autonomie, führende Gemeindemitglieder nahmen aktiv am öffentlichen Leben teil. Das religiös-intellektuelle Leben erfuhr eine Blütezeit, so dass Polen als kulturelles Zentrum des aschkenasischen Judentums verstanden werden kann.

Nach 1650 vergrösserten sich auch die jüdischen Gemeinschaften in Westeuropa. Nach dem Dreissigjährigen Krieg fehlte es vielen Herrschern an den finanziellen Mitteln, ihre Reiche wieder aufzubauen, spezielle Judensteuern sowie deren Tätigkeit im Geldverleih machte die Wiederansiedlung von Juden attraktiv. An den Höfen entstand eine neue Schicht der Hofjuden. Es zeichnete sich eine anwachsende Akzeptanz von Juden ab, welche immer wieder durch teilweise brutalste Ausschreitungen getrübt wurde. Auch wenn Juden speziell durch Ungleichbehandlung betroffen waren, muss man festhalten, dass die frühneuzeitliche Gesellschaft per se eine Gesellschaft der Ungleichheit war.

Schon bald nach der ‚Entdeckung‘ Südamerikas fuhren getaufte Juden in die Neue Welt. Im 16. und 17. Jh. wurden diese nochmals Opfer der Inquisition. Die jüdische Bevölkerung in den holländischen Kolonien war dann die erste, welche in der Diaspora schon im 17. Jh. die vollständige Gleichberechtigung erhielt. Auch in Nordamerika gewährten die Holländer den Juden Gleichberechtigung. Den ersten Juden, welche 1654 in Neuamsterdam (heute New York) an Land gingen, folgten bald viele weitere, welche von der Hoffnung auf religiöse Toleranz und wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten angezogen wurde. Bis 1730 waren die Sepharden in der Mehrheit, die massive Immigration aus Deutschland und Polen veränderte dann die amerikanisch-jüdische Gesellschaft nachhaltig.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und intellektuelle jüdische Bibelexegese, jüdischer Buchdruck und wirtschaftliche Handelsbeziehungen, religiöse Akzeptanz und die Auswanderung nach Amerika waren ebenso Teil der Frühen Neuzeit wie Vertreibungen und Inquisition, Ritualmordprozesse und Pogrome. So ist es auch kein Widerspruch zu den zaghaften Anfängen der Aufklärung, dass die Frühe Neuzeit auch die Epoche der falschen Messiasse (z.B. Sabbatai Zwi, 1626-1676; Jakob Frank, 1726-1791) war.

Die Emanzipationsbestrebungen in Europa und in Amerika schliessen die Epoche der Frühen Neuzeit ab.

Stefanie Mahrer, Enable JavaScript to view protected content.

Literatur

Barnavi, Elie; Stern, Frank; Abitbol, Michel und Opatowski, Michel: Universalgeschichte der Juden: von den Ursprüngen bis zur Gegenwart: ein historischer Atlas, Aktual. Neuaufl. Ausg., München 2004. Gotzmann, Andreas: Jüdische Autonomie in der Frühen Neuzeit: Recht und Gemeinschaft im deutschen Judentum, Göttingen 2008.

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