Einwanderung der Sefarden in die Schweiz

Die Schweiz ist eigentlich kein bevorzugtes Einwanderungsland der Sefarden. Welche historischen Ereignisse waren also der Grund, dass Sefarden in der Schweiz Zuflucht suchten? Und vor allem: Wer sind die Sefarden?

a) Versuch einer Definition

Die Unterscheidung zwischen Aschkenasen und Sefarden stammt aus dem Mittelalter und stützt sich auf das herkömmliche Verständnis eines Verses des Propheten Obadja (Obadja 1, 20): „Und die Weggeführten von Israel werden die Städte der Kanaaniter bis nach Zarpat besitzen, und die Weggeführten von Jerusalem, die in Sefarad sind, werden die Städte im Südland besitzen..“ Diese mittelalterliche Sichtweise hat sich teilweise bis heute erhalten und wurde durch mündliche Überlieferung und biblische Exegese durch die Rabbiner weitergegeben.

Etymologisch gesehen bezeichnet das hebräische Wort „Sfaradim“ Spanien und die Juden, die sich nach der Zerstörung des Zweiten Tempels dort niedergelassen haben. Aschkenas hingegen bezeichnet Deutschland und insbesondere die Juden in Zentral- und Osteuropa. Sefarden und Aschkenasen stellen die beiden (bipolaren und/oder komplementären) Hauptgruppen dar, aus denen das jüdische Volk besteht. Wie lässt sich diese Ironie der Geschichte erklären? Haben sich die beiden großen Gruppen des jüdischen Volkes jeweils mit den Nationen identifiziert, die sie im Laufe der Jahrhunderte am meisten unterdrückt haben?

Es ist ganz offensichtlich, dass die sefardische Identität nach der Vertreibung der Juden 1492 aus Spanien und 1497 aus Portugal eng mit Spanien verbunden ist. Die Zurückgebliebenen wurden verfolgt und Inquisitionsgerichten ausgeliefert. Diejenigen, die ins Exil gingen, haben aus dem Judentum mehr als eine Religion gemacht, es wurde zu einem Glaubensbekenntnis. Sie brachten es in ihrem ganzen Wesen zum Ausdruck und unterschieden sich gleichzeitig von anderen Juden durch ihre spanisch geprägte Kultur, durch den Gebrauch des Judaeo-Spanisch und ihre Bindung an das mythische Iberien. Damit werden sie, wie es Angel Pulido ausdrückt, zu „Spaniern ohne Heimat“.

Neben dieser engen Definition existiert eine weiter gefasste, derzufolge die Sefarden Juden sind, die in moslemischen Gebieten Zuflucht suchten, während die Aschkenasen in christlicher Umgebung im Exil lebten.

b) Geschichtliches kurz gefasst

Es sind zunächst Balkanjuden, entfernte Nachkommen der aus Spanien vertriebenen Juden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Aschkenasen-Gemeinden der französischsprachigen Westschweiz vergrößerten und die Keimzelle des ersten Sefarden-Zentrums der Schweiz bildeten. Schon bald darauf folgten Glaubensgenossen aus der Türkei und aus Griechenland. Die Vertreter dieses Stromes des Judentums, die „Juden der Sonne und der guten Laune, eloquent und ritterlich, die Juden des Meeres und der eleganten Manieren, Nachfahren der berittenen spanischen Juden, die sich in Seide kleideten und Dolche, Bänder, Rosen und Schwerter trugen...“, diese Juden also, die Albert Cohen in Mangeclus beschreibt, brachten in ihrem Gepäck viel Farbe und Fröhlichkeit mit. Die kleine Gruppe verstärkte sich rasch durch eine größere Anzahl von Juden aus dem Nahen Osten, vor allem aus Ägypten und Syrien, die nach dem Sinai-Feldzug 1956 vertrieben worden waren. Ebenso wie ihre nordafrikanischen Brüder, vor allem aus Marokko, waren sie infolge der Dekolonisation, wegen des allgemeinen Nationalismus, in dem immer weniger Platz für Juden war, sowie wegen der Auswirkungen des Nahostkonfliktes gezwungen, ihr Geburtsland zu verlassen,. Die gleichen Gründe haben zuletzt Juden aus dem Libanon Mitte der 70er Jahre und aus dem Iran nach der Machtübernahme durch Khomeini zur Flucht gezwungen und sie veranlasst, in der friedlichen Schweiz Zuflucht zu suchen. (Es sei in diesem Zusammenhang allerdings darauf hingewiesen, dass die in der Schweiz ansässigen marokkanischen Juden praktisch in der Mehrzahl über die ORT kamen, die ihnen eine Berufsausbildung mit Fachhochschulabschluss anbot.)

Dieser Zustrom an menschlichen Ressourcen hatte nicht nur eine Diversifizierung der Gemeinschaft in der französischen Schweiz zur Folge, er hat auch die aussterbenden Institutionen revitalisiert und schuf sogar neue (was nicht immer gut aufgenommen wurde!). Sie zeichnen sich durch ihre Spontaneität, ihre Gastfreundlichkeit, ihren Sinn für das Miteinander, ihre Traditionsverbundenheit und Treue zu den Werten des Judentums und die Freude aus, sein Judentum zu leben. Eine solche „Extravaganz“ stiess nicht immer auf viel Verständnis und wurde noch weniger richtig eingeschätzt, da die Sefarden sich weigerten, ihre jüdische Identität unter dem Mantel der „Zivilisation“ zu verstecken.

David Banon, Enable JavaScript to view protected content.

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