Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert

Der Erste Weltkrieg (1. WK) beendete das „lange 19. Jahrhundert“ und damit die Epoche des Liberalismus und der politischen und sozialen Stabilität des bürgerlichen Europas. Der Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert markiert auch für die jüdische Geschichte eine Zäsur, einerseits durch die endgültige Integration der jüdischen Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft Europas sowie die wichtigen Errungenschaften der zionistischen Bewegungen in Bezug auf eine jüdische Heimat in Palästina, andererseits durch den aufkommenden rassischen Antisemitismus.

Der 1. WK, die „Urkatastrophe“ Europas, läutete eine neue Epoche des Nationalismus, der Systemkonkurrenz und Gewaltpolitik ein. Imperialismus, Nationalismus und Militarismus hatten im ausgehenden 19. Jh. zu einem Rüstungswettlauf geführt, und der 1. WK resultierte nicht zuletzt aus der Unfähigkeit der politischen Mächte in Europa, Streitigkeiten zwischen Russland und Österreich-Ungarn auf diplomatischen Weg beizulegen. Zum weltpolitischen „Erbe“ des Kriegs gehörten: Zerfall der europäischen Grossmächte, Zerrissenheit des europäischen Kontinents, Verdrängung des Welthandelssystems durch Betonung einer protektionistischen Wirtschaftsordnung, erstarkender Nationalismus. Die schleichende Verarmung der bürgerlichen Schichten und fehlendes Vertrauen in die neuen parlamentarischen Regierungsformen führten zu tiefer Verunsicherung, welche den totalitären Bewegungen des Faschismus und Kommunismus grossen Zulauf brachte. In Deutschland führten die als Demütigung empfundenen Bedingungen des Friedensvertrags von Versailles zu einem erhitzten nationalistischen Klima und zu politischer Destabilisierung, aus der die NSDAP als Siegerin hervorging.

Das 19. Jh. war das Jahrhundert der jüdischen Emanzipation. Nach und nach wurde der jüdischen Bevölkerung in allen Gebieten West- und Mitteleuropas die rechtliche Gleichstellung zugesprochen (Frankreich 1791, Deutsches Kaiserreich 1871). Der Erhalt des Rechts auf freie Religionsausübung im Schweizerischen Bundesstaat 1874 markiert das Ende dieses politischen Gleichstellungsprozesses in Europa. Während die Eingliederung der jüdischen Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft vorher auf einzelne Gruppen und gesellschaftliche Bereiche beschränkt blieb, folgte der rechtlichen Gleichstellung nun die sukzessive Integration aller Juden und Jüdinnen in das wirtschaftliche, kulturelle, wissenschaftliche und politische Leben ihres Landes. Der 1. WK war „Höhepunkt“ dieses Integrationsprozesses, als in den Armeen von England, Frankreich, dem zaristischen Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland Tausende Juden begeistert für ihr Land (und für die vollständige Akzeptanz als Mitbürger) kämpften.

England übte nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden 1860 eine auffallend beschützende Politik gegenüber der gut integrierten, mittelständischen jüdischen Minderheit aus. Im 1. WK unterhielt die britische Armee ein eigenes jüdisches Bataillon für die Befreiung Palästinas von den Osmanen. Faschistische Bewegungen hatten in Grossbritannien wenig Einfluss. Im Frankreich des 19. Jh. nahm der Antisemitismus stark zu; der Vorwurf der Spionage für Deutschland gegen Hauptmann Alfred Dreyfus 1894 gilt als Inbegriff dieses erhitzten Klimas. Die Notwendigkeit, während des 1. WK eine „union sacrée“ aufrecht zu erhalten, vereinigte allerdings die französische Nation über alle Unterschiede hinweg und führte zu einem Unterbruch antisemitischer Kampagnen. In Osteuropa führten Pogrome und antijüdische Politik zwischen 1880 und 1914 zur Massenemigration von über 2,5 Mio. Menschen. Nach der Revolution von 1917 strebte die offizielle Politik nach vollständiger Assimilation der jüdischen Minderheit. In Deutschland erhielt der 1. WK eine ganz andere Bedeutung: 90'000 jüdische Soldaten suchten durch den Militärdienst nicht zuletzt endgültige Anerkennung als Deutsche. Die so genannte „Judenzählung“ durch das Kriegsministerium 1916 machte aber das Misstrauen gegenüber der jüdischen Bevölkerung offensichtlich; die Politik reagierte mit dieser statistischen Erhebung des Anteils der Juden an den deutschen Frontsoldaten auf die antisemitische Propaganda, Juden seien „Drückeberger“, die sich dem Waffendienst an der Front möglichst entzögen. Das Jahr 1916 markiert damit den Beginn eines von höchster Stelle sanktionierten Antisemitismus in Deutschland.

Die zweite Hälfte des 19. Jh. sah aber auch die Entwicklung einer Ideologie des pseudo- wissenschaftlichen, rassischen Antisemitismus. In Osteuropa war er eine absichtliche Ablenkungsstrategie der Regierungskreise. Der westeuropäische Antisemitismus dagegen gilt eher als ein Produkt von Wirtschaftskrisen, populären Medien und populistischen Parteien, doch in den Jahren, die zum 1. WK führten, ging der Einfluss antisemitischer Parteien in Westeuropa zurück; deren ideologische Bedeutung blieb auf die Ränder des politischen Lebens beschränkt. Als Antwort auf antisemitische und nationalistische Strömungen in Europa formierte sich innerhalb der jüdischen Bevölkerung auch die zionistische Bewegung, die für ein jüdisches Heimatland kämpfte. 1897 fand der Erste Zionistenkongress in Basel statt. Ein entscheidendes Ereignis des 1. WK war in dieser Hinsicht der Erlass der „Balfour Declaration“ 1917, mit der die britische Regierung zusagte, die Errichtung einer „nationalen Heimstätte“ in Palästina „mit Wohlwollen“ zu betrachten. 1922 erhielt Grossbritannien das Völkerbundsmandat für Palästina, was für die Anhänger des Zionismus einen Schritt in Richtung eines jüdischen Staates bedeutete.

Aline Masé,Enable JavaScript to view protected content.

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