Die Thora

Mit dem Ausdruck „Thora“ kann auf drei verschiedene Bedeutungen hingewiesen werden:

 Oberbegriff für die gesamte, d.h. sowohl die schriftliche als auch die mündliche jüdische Lehre.

 die Schriftrolle, auf welcher der Text der schriftlichen Lehre niedergeschrieben ist („Sefer Thora“). Dies ist eine grosse Pergamentrolle, auf der die fünf Bücher Mose in hebräischen Buchstaben - ohne Vokal-, Betonungs- oder Singzeichen - von der Hand eines „Sofers“ (dt. Schreibers) aufgezeichnet sind. Eine Thora-Rolle kann bei Fehlen oder Beschädigung eines einzelnen Buchstabens bereits als „passul“ (dt. unbrauchbar) gelten. Die Thoraschriftrolle gilt als heiliger Gegenstand, welchem mit respektvoller Vorsicht begegnet werden soll. Thorarollen werden generell im „Aron haKodesch“ (dt. Heilige Lade) in der Synagoge aufbewahrt und mehrmals pro Woche zur Thoravorlesung in der Gemeinschaft herausgenommen.

 Mit Thora wird der erste Teil des Akronyms „Tanach“ (Thora [Fünf Bücher Mose] - Newi’im [Propheten] - Ketuwim [Hagiographen]) gemeint. Die Fünf Bücher Mose, die auch „Chumasch“ (gr. Pentateuch) genannt werden, heissen:

1. „Bereschit“ (dt. „Im Anfang“, Genesis): handelt von der Erschaffung der Welt, vom Beginn der Menschheitsgeschichte, von der Geschichte der Erzväter und -mütter sowie von der Entstehung des israelitischen Volkes

2. „Schmot“ (dt. „Namen“, Exodus): handelt vom Auszug aus Ägypten, von der Offenbarung am Berge Sinai und vom Aufbau des Stiftszeltes

3. „Wajikra“ (dt. „Er rief“, Leviticus): handelt mehrheitlich von Priestergesetzen und Verordnungen bezüglich des Opferdienstes

4. „Bamidbar“ (dt. „In der Wüste“, Numeri): handelt von der Wanderung der Israeliten in der Wüste bis hin zur Grenze des Landes Israel

5. „Dewarim“ (dt. „Worte“, Deuteronomium): handelt von langen Reden und Ermahnungen Mosches vor dem Eintritt in das Gelobte Land sowie vom Tod Mosches

Die Thora wird - gemäss der babylonischen Tradition - in 54 Wochenabschnitte („Paraschat Schawua“ oder „Sidra“) unterteilt, die in einem Jahreszyklus, beginnend nach dem Simchat- Thora-Fest und am Simchat Thora des folgenden Jahres endend, in der Synagoge gelesen werden. Jeder der Wochenabschnitte besteht seinerseits aus sieben Unterteilungen, entsprechend „sieben“ genannt, „Alijot“ (dt. Aufrufe), zu welchen am Schabbat sieben Männer zur Thora aufgerufen werden. Am Montag- und Donnerstagmorgen sowie am Schabbatnachmittag wird die erste der sieben Alijot des aktuellen Wochenabschnitts vorgetragen. An Fast- und Feiertagen werden besondere Abschnitte aus der Thora gelesen. Da im geschriebenen „Sefer Thora“ jegliche Satz- und Lesezeichen fehlen, muss ein „Baal Kore“ (dt. Thoravortragender) die genaue Aussprache der Wörter, deren Betonung sowie die Gesangsmelodie auswendig beherrschen.

Nach der jüdischen Überlieferung wurde die Thora dem Höchsten aller Propheten, Mosche, von Gott gegeben bzw. diktiert. Da die Thora Gottes Wort ist, sind nach orthodoxer Anschauung nicht nur die in ihr erwähnten Gebote ein Ausdruck des göttlichen Willens, sondern auch jedes Wort oder gar jeder Buchstabe hat eine Bedeutung von unendlicher Tiefe und beherbergt einen Funken der göttlichen Wahrheit.

In progressiven jüdischen Strömungen werden bezüglich der Thora bibelkritischen, archäologischen und naturwissenschaftlichen Überlegungen im Allgemeinen grössere Bedeutung geschenkt. Doch unterscheiden sich die verschiedenen Anschauungen in Bezug auf die Bedeutung der Offenbarung: Die traditionellere Richtung versteht den Text der Thora nicht als ein langes Zitat Gottes, sondern vielmehr als ein menschliches Dokument, welches durch die Begegnung mit Gott entstanden und daher auch verbindlich, in seiner praktischen Ausführung aber veränderbar ist. Der liberalere Ansatz andererseits verneint eine historische Offenbarung Gottes am Berg Sinai explizit und ist dementsprechend der Meinung, dass sowohl das geschriebene als auch das mündliche Gesetz nur eine menschliche Schöpfung und somit für niemanden verbindlich sind, sie dennoch aber gelehrt und auf individuellen Wunsch auch ausgeführt werden können.

Emanuel Cohn, Enable JavaScript to view protected content.

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