Die Beziehungen zwischen Sepharden und Aschkenasen

Die höchstens 3 bis 4 Mio. Sepharden stellen eine Minderheit unter den weltweit 15 bis 16 Mio. Juden dar. Deshalb müssen die Beziehungen zwischen Sepharden und Aschkenasen zunächst unter dem Blickwinkel eines Minderheitenproblems betrachtet werden.

a) Koexistenz als Herausforderung

Die Zuwanderung von Sepharden verstärkt einerseits die ansässigen aschkenasischen Gemeinden, stellt jedoch andererseits eine Herausforderung dar, indem sie den Sepharden einen besonderen Status zuweist. Die Gemeinden leben in der ständigen Begegnung dieser beiden grossen Gruppen des Judentums, die ihre jeweiligen Besonderheiten und Kulturen einbringen. Ebenso wie Israel, Frankreich, Lateinamerika und Kanada ist auch die französische Schweiz eine Art Versuchslabor, in dem das Zusammenleben aschkenasischer und sephardischer Juden mit seinen vielen Parametern auf dem Prüfstand steht.

Es ist als ob zwei Brüder, die durch geschichtliche Ereignisse lange voneinander getrennt waren, in christlicher und muslimischer Umgebung lebend, wieder zusammen finden. Nach vielen Jahren der Trennung müssen sie sich neu kennen und zusammen leben lernen, sich gegenseitig über ihre Vergangenheit, Kultur und Interessengebiete, über ihre Art, das Judentum zu leben, über Lieder, Essgewohnheiten und Traditionen informieren. Dieser Lernprozess ist nicht unproblematisch, und gelegentlich kommt es zu Misstönen. Eine Menge Geduld, viel guter Wille und Offenheit seitens der Mehrheit sind nötig, damit der Minderheit der ihr zustehende Platz eingeräumt wird und sie sich nicht bedroht fühlt.

Vor allem in Genf wird mehr oder weniger erfolgreich versucht, ein harmonisches Zusammenleben im jüdischen Mikrokosmos zu erreichen und diesen möglichst zu einer Einheit werden zu lassen. Trotzdem gibt es hier und da noch Unstimmigkeiten, eine gewisse Herablassung und viel Unausgesprochenes, welche den Weg in eine zumindest passive, wenn nicht aktive Zugehörigkeit zur Gemeinschaft erschweren.

b) Diverse Einflussfaktoren

Zu Beginn ihrer Ansiedlung in Genf wurde den Sepharden von der jüdischen Gemeinde für ihre Gottesdienste ein Raum zur Verfügung gestellt, da ihre gesamte Liturgie ganz anders ist. Die grundlegenden religiösen Texte sind zwar ähnlich, aber nicht nur die Gesänge, sondern auch die Aussprache der hebräischen Sprache unterscheiden sich. Die Errichtung der sephardischen Synagoge Hekhal Haness stiess in der Gemeinschaft nicht auf viel Verständnis und ist auch weiterhin Ursache für Spannungen.

Um sich ein objektives Bild dieser Beziehungen zu machen, darf man das Problem der Vertretung in den Entscheidungsgremien nicht ausschliessen. Zwar gibt es Sepharden im Vorstand der Gemeinde, aber ihre Ansicht muss schon den Vorstellungen der aschkenasischen Mehrheit oder zumindest ihrer Auffassung von Religion und ihren Vorstellungen von Gemeinschaft und dem jüdischen Volk entsprechen. Auch wenn man gerne hätte, dass das Fehlen sephardischer Vertreter in den Instanzen des SIG einzig und allein auf die Sprachbarriere zurückzuführen sei, ist dem nicht so.

c) Leben als Minderheit

Zweifellos gehören diese Dinge zum Los aller Minderheiten. Trotzdem bedeutet das nicht, dass man die sephardische Identität als eine solche zweiter Klasse oder, wie es oft noch der Fall ist, als Überbleibsel ansehen muss. Das Sephardentum hat nichts mit Volkstum oder Stammeszugehörigkeit zu tun. Es ist auch kein verlorenes Paradies und beruht nicht auf irrationaler, melancholischer Romantik. Es hat nichts Nostalgisches, sondern ist eine bestimmte Art der Beziehung zum Judentum und zur Welt, die ihre Kraft aus lebendiger Tradition schöpft, ohne sich der Moderne zu verschliessen, geschaffen für das ganze jüdische Volk (siehe „Das kulturelle Schaffen des spanischen Judentums und sein Einfluss auf die jüdische Moderne“). Deshalb ist die Auffassung, dass Wissenschaft, Philosophie, Kunst und Literatur Sache der Aschkenasen sei, südländische Bräuche wie Hammel am Spiess, Couscous, Bauchtanz und ähnliches „Kulturgut“ hingegen die Sepharden kennzeichnen, völlig unangebracht.

Es geht vielmehr um eine bestimmte Konzeption des jüdischen Volkes, die sich auf Gottes Wort beruft und dieses nicht ins Banale herabziehen will. Es geht um die Art, Judentum und Mensch Sein miteinander zu vereinbaren - eine Art Familienroman, fast unbedeutend und doch so wichtig. Natürlich ersetzen familiäre Erinnerungen nicht auf Dauer Wissen und Tradition. Aber die Sepharden besitzen eine alte und ehrwürdige Tradition, die der aschkenasischen durchaus ebenbürtig ist. Es geht um die Zukunft der Vergangenheit, in der ein Jude ohne das Religiöse unvorstellbar ist.

Deshalb müssen wir das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft fördern, dabei jedoch die einzelnen Persönlichkeiten respektieren. Die Grundlage für ein gemeinschaftliches Leben in der Öffentlichkeit liegt im Bewusstsein der geschichtlichen Hintergründe, der gemeinsamen moralischen und religiösen Wertvorstellungen und der Akzeptanz der gesetzlichen Bestimmungen. Zusammen leben bedeutet, die reale und die legale Gemeinschaft einander anzunähern und nicht, der realen Gemeinschaft den Standpunkt der legalen aufzuzwingen.

Auf diese Weise, d.h. ohne diese Allianz zu gefährden, kann der Fortbestand des gesamten jüdischen Volkes gesichert und gleichzeitig der Gesellschaft gedient werden, in die wir aufgenommen wurden.

David Banon, Enable JavaScript to view protected content.

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