Assimilation und Akkulturation

Akkulturation und Assimilation bedeuten „Angleichung“ oder „Ähnlichmachung“ einer Gruppe oder einer Kultur an eine andere.

Akkulturation. Akkulturation ist ein aktiver Prozess, dessen Initiative von einer Minderheit ausgeht. Dabei übernimmt die Minderheit geistige und materielle Kulturgüter der Mehrheitsgesellschaft (wie Sprache, Werte, Normen, gesellschaftlich-kulturelles Wissen, Lebensstil etc.). Die eigene kulturelle Identität wird, trotz komplexer Prozesse der Aneignung einer anderen Kultur, beibehalten. Der Prozess ist nicht nur einseitig zu verstehen, denn die Weitergabe kultureller Güter der Minderheit an die Mehrheit geschieht ebenfalls, jedoch in viel kleinerem Ausmass als umgekehrt. Minderheiten, welche in einer Gesellschaft diskriminiert oder ausgegrenzt werden, zeigen einen generell geringeren Einsatz von Akkulturation. Eine Übernahme von kulturellen Merkmalen einer anderen Gesellschaft ist die Voraussetzung für eine Assimilation an diese.

Assimilation. Assimilation ist ein soziokultureller Prozess, in dem eine Minderheit in einer Gesellschaft nicht nur geduldet und akzeptiert, sondern als bereichernd empfunden wird. Dadurch wird das kulturelle Potential der Minderheit für die Mehrheit attraktiv. Damit sich eine Minderheit assimilieren kann, ist eine offene, tolerante Mehrheitsgesellschaft gefordert, die aktiv Assimilation zulässt. Konkret bedeutet dies beispielsweise gleiche Chancen und Rechte für alle Menschen in der Gesellschaft in wirtschaftlicher, sozialer sowie rechtlich-politischer Hinsicht. Ethnische Gruppenstrukturen verschwinden mit der Assimilation und können auch den Verlust einer spezifischen Lebensweise, Kultur oder Religionsausübung zur Folge haben.

Historisches Beispiel. Anhand der Emanzipationsbestrebungen der Juden und Jüdinnen in Deutschland zwischen dem 18. Jahrhundert und den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sollen Akkulturations- und Assimilationsprozesse veranschaulicht werden.

Seit dem 18. Jahrhundert versuchten Juden in Deutschland sowohl an der jüdischen, aber auch an der deutschen Kultur und Gesellschaft teilzuhaben. Moses Mendelssohn war einer der ersten Juden, der sich autodidaktisch weltliches Wissen und die deutsche Sprache aneignete. 1783 stellte er eine Übersetzung der Thora vom Hebräischen in das Deutsche fertig und wollte damit seinem Sohn und seinen Zeitgenossen die deutsche Sprache näherbringen. Seit den 1860er Jahren wurden nach und nach gesetzliche Gleichstellungen von Juden und Jüdinnen mit ihren christlichen Mitbürgern erlassen. Der Wandel in der Kindererziehung spielte allgemein eine grosse Rolle bei der Akkulturation. Aufgeklärte und weniger religiöse Eltern begannen, ihre Kinder auf christliche Schulen zu schicken. Seit dem 18. Jahrhundert gab es jüdische Schulen, die sowohl eine breite weltliches Bildung als auch Kenntnisse übers Judentum vermittelten.

Mitte des 19. Jahrhundert gingen fast alle jüdischen Kinder auf diese neuen jüdischen Schulen oder auf eine christliche Schule. Dies hatte zur Folge, dass viele der heranwachsenden Generation Kenntnisse jüdischer Überzeugung und Werte vermittelt bekamen, aber eben auch im Selbstverständnis als Deutsche lebten. Für andere waren die neuen weltlichen oder auch christlichen Werte unvereinbar mit dem traditionellen Judentum. Hieraus resultierten zwei Reaktionen: zum einen die Reformbestrebungen und zum anderen die Abkehr vom Judentum oder auch die Konversion zum Christentum. Den Vertretern der reformatorischen Bestrebungen ging es darum, das Judentum zu erhalten, aber es an die moderne Zeit anzupassen. Es wurden Synagogen im Stile von Kirchen errichtet, die deutsche Sprache erhielt Einzug in die Liturgie der Gottesdienste und in die Gebete, jüdische Kinder wurden konfirmiert und, was sehr umstritten war, Gesang und Orgel wurden während des Gottesdienstes verwendet. Die Reformer gingen davon aus, dass sie als Juden ebenso deutsch sein konnten wie Nichtjuden, was sie durch Partizipation am kulturellen und politischen Leben durchaus bewiesen hatten.

Für viele Juden war es selbstverständlich, am kulturellen Leben der christlichen Mehrheitsgesellschaft teilzuhaben und es aktiv mitzugestalten. Beispiele dafür waren Mitgliedschaften in jüdischen und allgemeinen Vereinen, der Besuch von Theatervorstellungen und Konzerten oder auch das Lesen deutscher Literatur und Philosophie. Sie sahen die Angehörigen des Judentums nicht als Nation im modernen Sinne an, sondern als reine Religion. So wurde das „jüdische Anderssein“ auf die Religion reduziert und als einziger verbleibender Grund einer expliziten jüdischen Identität angesehen.

Die Vertreter dieser Richtung waren von der Möglichkeit, des den Christen gegenüber „gleichberechtigten deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens“ überzeugt. Das christliche Umfeld war aber keineswegs dazu bereit, zu akzeptieren, dass Juden in die geistige und politische Elite aufsteigen. So durften beispielsweise studierte Juden keine Professur annehmen und grosse deutsche Philosophen und Theologen stellten das Judentum öffentlich auf eine niedrigere Stufe als das Christentum. Dies war ein Dilemma für jüdische Intellektuelle, denn sie wollten in einem deutschen Kulturmilieu leben, welches jedoch mit christlichen Ideen verbunden war. Aus diesen Diskriminierungen heraus liessen sich Juden taufen und versprachen sich daraus Vorteile und Akzeptanz der Gesellschaft.

Für ärmere Juden gab es auch einen finanziellen Anreiz für die Konversion. Einigen dieser Konvertiten verhalf der Übertritt zum Christentum zu grösserem Ansehen. Die meisten mussten jedoch erfahren, dass die Konversion nichts änderte. Auch wenn man von den jüdischen Menschen forderte, das „Judesein“ abzulegen, sah man sie auf der anderen Seite als Eindringlinge in die Kultur und Wirtschaft an. Die Bedingungen für eine Aufnahme in die deutsche Gesellschaft waren nie klar. Während die meisten aufgeklärten, akkulturierten Juden darauf bedacht waren, dass ihre Kinder auch wieder jüdisch heirateten, strebten die Vertreter der extremen Assimilation ein völliges Aufgehen in der christlichen oder vielmehr deutschen Gesellschaft an und heirateten auch in eine christliche Familie hinein.

Der Ausbruch des 1. Weltkriegs bedeutete für viele Juden die Chance zu zeigen, dass sie „richtige“ Deutsche waren, und so rückten sie mit patriotischen Gefühlen für Deutschland in die Armee ein. Aber auch hier herrschte spürbarer Antisemitismus. Die darauf folgende Weimarer Republik bedeutete für viele Juden die Einlösung des Versprechens der vollen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gleichstellung. Und so wurde auch tatsächlich ein jüdischer Mann Reichsaussenminister: Walther Rathenau. Dieser wurde jedoch von einer rechtsextremistischen Gruppierung ermordet. Zwar kann man in der Weimarer Republik eine sehr hohe Assimilationsrate verzeichnen, doch gleichzeitig nahm in dieser Zeit der Antisemitismus wieder zu. Die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 machte alle Akkulturations- bzw. Assimilationsbestrebungen zunichte.

Isabel Schlerkmann, Enable JavaScript to view protected content.

Literatur

Herzig, Arno: Jüdische Geschichte in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 2002. Lowenstein, Steven M. u.a. (Hrsg.): Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit. Bd. 3. Umstrittene Integration. München 2000.

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