Tagebuch eines Likratino – Tag 3

Am dritten Tag meines Likrateinsatzes habe ich den Dreh raus. In diese Vermittlerrolle kommt man doch schnell rein. Mit der Erfahrung kommt auch eine Sicherheit im Gespräch. Ebenso bekommt man schon vor dem Ansprechen ein Gefühl dafür, welche Sprache das Gegenüber spricht. Für den Abschluss meines Einsatzes will ich mit dieser Erfahrung noch einige konstruktive Gespräche führen, bevor ich die Bündner Berge wieder verlasse.

Dank den Gesprächen in den ersten beiden Tagen als Likratino weiss ich nun in etwa, wo der Schuh und bei wem drückt. Sowohl bei den jüdischen Touristen, als auch bei den Einheimischen sind es oft wiederkehrende Themen, die sie beschäftigen. Diesen fühle ich mich mittlerweile gewachsen und mache mich auf den Weg.

Schweizer Gepflogenheiten

Ich führe heute Vormittag Gespräche auf dem grossen Spielplatz. Es scheint einer der beliebtesten Treffpunkte im Dorf für Familien zu sein. Viele Kinder spielen beim schönen Wetter draussen und es ist nahezu unmöglich, die Übersicht zu behalten, wer zu wem gehört. Viele der jüdischen Touristen in Davos kommen dieses Jahr aus der Schweiz. Sie kennen natürlich die hiesigen Gepflogenheiten und sprechen auch alle schweizerdeutsch. Das vereinfacht das Miteinander, da oft Mentalitätsunterschiede die Ursache von Missverständnissen sind. Ich komme mit einer belgischen, streng religiösen Familie aus Antwerpen ins Gespräch. Im Gegensatz zu den Schweizer Juden kennen sie nicht alle lokalen Sitten und Gewohnheiten. Sie zeigen sich jedoch daran interessiert, diese besser zu verstehen. Wir sprechen über diverse Themen: von der weiterherum gebräuchlichen «Grüezi»-Kultur bis zur strikten Nachtruhe nach 22.00 Uhr. Ich kann Ihnen einige Normen vermitteln, die in der Schweiz jeder und jede kennt. Schliesslich verabschieden wir uns und ich gehe mit einem guten Gefühl weiter.

Jüdische Bräuche

Etwas später lerne ich in der Nähe des Bahnhofs einen Dorfbewohner kennen. Zurückhaltend aber interessiert fragt er mich zum Judentum und zu jüdischen Bräuchen aus. Er scheint sich nicht genauer auszukennen, was ihm aber offenbar sehr wohl bewusst ist. So bemüht er sich darum, die Fragen vorsichtig zu formulieren, weil er nichts Falsches sagen will. Nach einigen für ihn erhellenden Antworten wird das Gespräch lockerer und ich spüre, dass sich mein Gegenüber merklich wohler dabei fühlt, direkter und unmittelbarer Fragen zu stellen, die ihn beschäftigen. Sein Wissen zu jüdischen Bräuchen besteht aus einer Mischung von Beobachtungen im Dorf und Einzelheiten, die er mal gehört hat. Es sind Fragen zu grundlegenden Themen, wie zum Schabbat oder zur koscheren Lebensweise. Eigentlich könnte man alle Antworten auf diese Fragen auch in einem Buch oder sogar auf Wikipedia finden. Tatsache ist jedoch, dass er das bis heute nie getan hat, auch wenn ihn das Thema ganz offensichtlich stark beschäftigt. Genau darum veranschaulicht dieses Gespräch die Stärken des Likrat Public-Projekts. Es sind zumeist simple und einfach zu beantwortende Fragen oder Anliegen, die geklärt werden müssen. Diese bleiben jedoch meist unbeantwortet, wenn es keinen Ansprechpartner gibt – zum Beispiel in Form eines Likratino. Unser Projekt ist keine Neuerfindung des Rads, sondern ein Vermittlungsprojekt, dass schlicht und einfach den Dialog zwischen Menschen aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft fördert.

Zu Teil 1

Zu Teil 2

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