Gedanken zu 75 Jahre Kriegsende

Vor 75 Jahren kapitulierte die deutsche Wehrmacht. Die Welt schaut heute auf den 8. Mai 1945 zurück, an dem die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs in Europa zu Ende ging und das Terrorregime der Nationalsozialisten endlich besiegt wurde. Wir gedenken den Opfern und sind uns aber bewusst, dass wir auch heute noch unablässig gegen Hass und Gewalt und für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie kämpfen müssen.

Als in Europa nach fast sechs Jahren Krieg, Besatzung und Terror endlich die Waffen schwiegen, war das für sehr viele Menschen ein Tag der Befreiung, Erleichterung und Erlösung. Ganz besonders hatte die jüdische Gemeinschaft den Tag ersehnt, der den Fall des NS-Regimes bringen würde.

Wir gedenken heute allen Opfern dieses Krieges und speziell den sechs Millionen Juden, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Ich habe die Hoffnung, dass die Menschheit aus diesem Krieg und der Schoah etwas gelernt hat. Wir alle müssen uns immer wieder bewusst werden, wohin Hass auf andere und ein zügelloser Nationalismus führen können. Wenn ich mir die Welt und die Geschehnisse seit 1945 vor Augen führe, habe ich jedoch auch meine Zweifel. Wir mussten seither so viele Konflikte und Kriege sowie Verfolgung und rücksichtslose Gewalt erleben. Nur zu oft wurden Menschen zu Opfern gemacht, weil sie die «falsche» Religion, Ethnie oder Hautfarbe hatten.

Die Gesellschaft von heute muss sich auch ganz anders gelagerten Konflikten und Gefahren stellen, weltweit und grenzenlos. Gerade die Coronakrise zeigt dies und sie zeigt das Ausmass, wie scheinbar stabile Verhältnisse in kürzester Zeit in ihren Grundfesten erschüttert werden können. Ich beobachte, wie bei vielen Menschen in dieser Krise das Vertrauen in den Staat schwindet, wie die gesellschaftliche Solidarität hinterfragt wird und wie stark sich Verschwörungstheorien verbreiten. Es gibt keine Garantien auf Frieden, Sicherheit, gegenseitigen Respekt und Toleranz. Jede Krise kann aber auch eine Chance sein, uns zu beweisen. Es liegt an uns. Wir müssen Solidarität zeigen und uns gegen Hass und Gewalt stemmen und uns für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie einsetzen. Mit dem Erinnern und dem Gedenken an die Katastrophen der Vergangenheit können wir dieses Bewusstsein schärfen.

Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG