«Es macht einen Unterschied»

Zwölf Jahre wird SIG-Präsident Herbert Winter die Geschicke des SIG gelenkt haben, wenn im nächsten Frühjahr die Verantwortung in neue Hände übergehen wird. Im Tachles zieht er anlässlich von Rosch Haschana Bilanz.

Tachles-Beitrag, 27. September 2019 | Original: https://www.tachles.ch/artikel/standpunkte/es-macht-einen-unterschied

Es macht einen Unterschied!

Der SIG ist heute stark, weil seine Stimme in Politik und Öffentlichkeit gehört wird. In den vergangenen Jahren haben wir uns eine glaubwürdige, ernstzunehmende und starke Position erarbeitet, auch wenn der Weg dorthin lang und nicht immer einfach war.

Wenn nun das neue jüdische Jahr anbricht, wird dies mein letztes in den Diensten des SIG sein. Zeit, um Bilanz zu ziehen, aber auch nach vorne zu schauen. In den bald zwölf Jahren meiner Präsidentschaft musste sich der SIG vielen, teilweise neuen Herausforderungen stellen. Dabei hat er Dynamik, Flexibilität und Durchsetzungskraft bewiesen. Wir sind in der Vergangenheit diese Herausforderungen angegangen und werden es auch in Zukunft tun.

Nehmen wir die Sicherheit. Unsere kleine Gemeinschaft ist immer wieder Anfeindungen, Bedrohungen und Angriffen ausgesetzt. Es ist ein Erfolg, dass wir nach langem Ringen eine Zusage des Bundes haben, dass er sich an den Kosten für die Sicherheitsmassnahmen jüdischer Institutionen beteiligen wird. Die finanzielle Bürde bleibt gross, Bund und Kantone müssen noch mehr machen. Wir werden weiter daran arbeiten, aber wir haben eine erste Entlastung erreicht. Es macht einen Unterschied!

Nehmen wir Likrat. Bei unserem Dialogprojekt Likrat begegnen sich vor allem junge Menschen auf Augenhöhe und können ohne Umwege Vorurteile und Unwissen abbauen. Wir sind stolz, dass wir in den Jahren seit seiner Entstehung mit Likrat über 20'000 nicht-jüdische Jugendliche erreichen konnten. Genauso wichtig: Die zahlreichen Likratinas und Likratinos kommen mit einem gestärkten jüdischen Bewusstsein und Selbstverständnis aus der Likrat-Ausbildung und den Begegnungen mit den Gleichaltrigen heraus. Auch wenn Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus in all ihren hässlichen Facetten eine Realität sind. Es macht einen Unterschied!

Nehmen wir die Respektierung von Minderheiten, ihrer Kultur und ihrer Religion. Mit Sorge beobachte ich die Tendenz, dass sich unsere Gesellschaft immer kritischer gegenüber Lebensentwürfen oder Haltungen zeigt, die nicht den Mehrheitsvorstellungen entsprechen. Eine Lebensführung, die sich an der Religion orientiert, ist zunehmend Anfeindungen oder gar Einschränkungen ausgesetzt. Dies betrifft insbesondere uns Juden und die Muslime. Sei es, wenn es um Feiertagsdispensen an Schulen, religiöse Kleidervorschriften, die Brit Mila oder die Einfuhr von Koscherfleisch geht. Das muss uns zu denken geben. Weil es das Fundament einer Gesellschaft untergräbt, die sich selbst die Vielfalt auf die Fahne geschrieben hat. Solche Tendenzen beunruhigen uns. Sollte es gar zu Verboten kommen, würden sich viele Juden in diesem Land nicht mehr akzeptiert fühlen. Gegen solche Tendenzen wehrt sich der SIG mit aller Kraft.

Nehmen wir das jüdische Selbstbewusstsein. Der Trend zur Säkularisierung nimmt auch innerhalb des Judentums weiter zu. Auch säkulare Juden bleiben trotz allem der jüdischen Tradition, den gemeinsamen Werten, der Geschichte und der Kultur verbunden. Wer versteht, woher er kommt, gewinnt Orientierung in der Gegenwart. Darum engagiert sich der SIG für das jüdische Kulturerbe in der Schweiz. Sei es für das Projekt Doppeltür, das das frühere Zusammenleben von Juden und Christen im aargauischen Surbtal vermittelt, sei es für das im Mittelalter von einer jüdischen Familie bewohnte Haus mit den aussergewöhnlichen Wandmalereien an der Brunngasse 8 in Zürich. Oder sei es für den Erhalt und die Sichtbarmachung der sogenannten Breslauer Bibliothek.

Und nicht zuletzt ist es Aufgabe des SIG, das Bewusstsein für diese kulturell und historisch wertvollen Schätze auch nach aussen zu schärfen. Das geht nicht nur uns Juden etwas an. Ganz im Gegenteil sind all diese Beispiele der beste Beweis dafür, dass jüdische Geschichte und jüdische Kultur Teil der Schweizer Geschichte und schweizerischen Kultur sind. Es macht einen Unterschied!

Eine Herausforderung und Knacknuss ist die Vielfalt innerhalb unserer jüdischen Gemeinschaft. Gerade in der heutigen Zeit müssen wir das gegenseitige Verständnis zwischen Juden verschiedenster Ausrichtung fördern. Auch wenn es uns in den letzten Jahren gelungen ist, Menschen näherzubringen und Brücken zu schlagen. Das Tempo und die Wucht, mit denen die Welten säkularer und orthodoxer Juden auseinanderdriften, nimmt zu. Gemeinden und der SIG sind gefordert, mehr Begegnungen untereinander zu schaffen, vor allem unter den Jungen.

Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht alle gleich sind. Es wäre aber wünschenswert und nötig, mehr gemeinsame Nenner herauszustreichen. Es sind zwar die Unterschiede, die die Vielfalt und das Spannende ausmachen. Es ist aber die Einheit, die uns letztlich als Gemeinschaft zusammenhält und stark macht. Es macht einen Unterschied!

Machen auch wir einen Unterschied! In diesem Sinne wünsche ich uns allen von Herzen ein friedliches neues Jahr - Schana tova!