Trauerrede anlässlich der Beerdigung von Hisham Maizar

19.05.2015, St. Gallen

Liebe Trauerfamilie, verehrte Trauergäste

Als sich am letzten Donnerstag und Freitag die Nachricht verbreitete, Hisham Maizar sei gestorben, blieb für mich, aber zweifellos auch für viele andere in unserem Land, die Welt eine Sekunde lang stehen. Ich konnte es kaum fassen, habe ich doch mit Hisham Maizar einen grossartigen Partner verloren, der für mich über die Jahre unserer Zusammenarbeit im Schweizerischer Rat der Religionen zu einem echten Freund in Herz und Geist geworden ist. Deshalb ist es mir ein ganz persönliches Anliegen, hier und heute einige Worte an Sie zu richten. Ich tue dies gleichzeitig im Namen des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes SIG, als auch des Schweizerischen Rats der Religionen. Ich habe Hisham Maizar vor sieben Jahren in diesem Rat kennengelernt und schätzen gelernt. Sehr früh hatten wir einen sehr guten Draht zueinander, haben eine grosse Affinität gespürt. Es zeigte sich, dass wir über die meisten Themen ähnlich oder sogar gleich dachten. Von Anfang gab es zwischen uns ein grosses Vertrauen.

Ich denke, dass diese Affinität darauf zurück zu führen ist, dass wir Angehörige von Minderheiten sind, die sich in ständiger Auseinandersetzung mit der Mehrheitsgesellschaft befinden, die einen mehr, die anderen weniger. Die Positionen und Ziele, die wir zwei für unsere Gemeinschaften vertraten, basierten alle auf dem Anspruch auf freie Religionsausübung, gegenseitigem Respekt und Anerkennung. Insbesondere vereinte uns die Ablehnung von Islamophobie, Antisemitismus und jeglicher Art von Rassismus, aber auch die Ablehnung von religiösem Extremismus und Gewalt.

Hisham Maizars Liebenswürdigkeit, Sanftheit und Menschlichkeit muss ich hier nicht beschreiben – alle Anwesenden, die heute Abschied nehmen, haben diese Charakterzüge von Hisham Maizar kennen lernen dürfen.

Sein Einsatz für die Anliegen der muslimischen Gemeinschaft in der Schweiz war beispielhaft, sei es gegen die Minarettverbotsinitiative, sei es für muslimische Grabfelder und für ImamAusbildung, sei es für die staatliche Anerkennung muslimischer Gemeinschaften. Ich habe den Verstorbenen aber vor allem auch als einen grossen, unermüdlichen Brückenbauer zwischen Religionen und Kulturen kennen und schätzen gelernt. Er spielte eine wichtige, stets auf Ausgleich bedachte Rolle im Schweizerischen Rat der Religion, den er zuletzt auch präsidierte. Er hat aber auch sehr viel zum bilateralen jüdisch-muslimischen Dialog beigetragen. Gemeinsam waren wir in den letzten Monaten daran, über unsere Dachverbände neue Gesprächsplattformen zu etablieren, damit sich Muslime und Juden, vor allem die jüngere Generation, besser kennen lernen können. Ein solcher Austausch auf breiter Basis ist gerade in den letzten Monaten nötiger und wichtiger geworden, nachdem antisemitische Vorfälle in Europa, auch in der Schweiz, häufig verursacht von Menschen mit muslimischen Wurzeln, bis hin zu Mordtaten in Brüssel, Paris und Kopenhagen die jüdische Gemeinschaft verängstigt hat und wir beide zur Einsicht gelangten, dass das einzige, nachhaltige, wenn auch schwierige Mittel, um hier positiv Einfluss zu nehmen, nur der Dialog auf Augenhöhe ist. Dass sich Hisham Maizar ohne Wenn und Aber für diesen Dialog eingesetzt hat, möglicherweise auch gegen den Widerstand auch in der Schweiz existierender radikaler Kräfte in seiner Community, dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Ein Thema haben wir in unseren Gesprächen aber immer vermieden: Das Thema Nahostkonflikt. Wahrscheinlich waren wir beide besorgt, dass eine Diskussion über dieses für uns beide sehr emotionale Thema unsere Freundschaft beschädigen könnte. In der letzten Zeit habe ich mir jedoch mehrfach vorgenommen, ihn darauf anzusprechen. Ich war mir sicher, dass unsere Freundschaft mittlerweile stark genug gewesen wäre, um zusammen, in gegenseitigem Respekt, über dieses schwierige Thema zu sprechen –er, der Schweizer Muslim mit palästinensischen Wurzeln, und ich, der Schweizer Jude, der ich aus kulturellen, familiären und religiösen Gründen mit Israel verbunden bin, zwei Menschen also mit sehr unterschiedlichem Hintergrund, die sich jedoch voll vertrauten und einander hoch achteten.

Für dieses Gespräch ist es nun leider zu spät. Am letzten Donnerstag ist Hisham Maizar viel zu früh verstorben. Sein Tod macht mich sehr betroffen und ist ein Verlust für die gesamte Schweizer Gesellschaft, für Muslime, Christen und Juden. Unsere tiefen, offenen Gespräche werde ich sehr vermissen. Ich hoffe, dass seine Überzeugungen und Ideen über seinen Tod hinaus weiter wirken – etwa in Form der erwähnten Gesprächsplattformen für Muslime und Juden.

Der Trauerfamilie, den Kindern und der Schwester, wünsche ich ganz viel Kraft, um diesen schmerzlichen Verlust zu überwinden.