Rede von Ralph Lewin anlässlich der Stolpersteinsetzungen vom 2. November 2021 in Basel

02.11.2021, Basel

[Es gilt das gesprochene Wort.]

Sehr geehrter Herr Regierungspräsident,

sehr geehrte Angehörige von Opfern und Überlebende des Holocaust,

sehr geehrter Gesandter des deutschen Botschafters in der Schweiz,

sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Religionsgemeinschaften,

sehr geehrte Damen und Herren

Anna Maria Böhringer, Kurt Preuss, Gaston Dreher, Armin Weiss. Das sind die vier Menschen, an die seit heute mit Stolpersteinen in Basel erinnert wird. Vier kleine, in den Boden eingelassene Messingplatten, die uns vier furchtbare Schicksale von vier Menschen vergegenwärtigen, die von hier weggebracht und in einem Konzentrationslager ermordet wurden.

Das sind nur einige der Schicksale, die wir mittlerweile kennen und nachvollziehen können. Auch dank der Publikation «Die Schweizer KZ-Häftlinge. Vergessene Opfer des Dritten Reichs» von Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid. Hunderte von Schweizerinnen und Schweizern und von Menschen, die einen Bezug zur Schweiz hatten, waren während des Zweiten Weltkriegs in den Konzentrationslagern der Nazis inhaftiert, viele von ihnen wurden dort umgebracht. Diese wichtige Publikation konfrontiert uns auch mit der schwierigen Frage, weshalb die Schweizer Behörden damals nicht mehr unternommen haben, um diese Menschen vor dem Tod zu bewahren.

Das Buch und die Stolpersteine geben ihnen einen Namen, eine Geschichte, eine Identität zurück. Und vor allem gibt es uns, den Nachgeborenen, die Möglichkeit, uns an sie zu erinnern. Ohne diese Erinnerung und ohne einen Namen sind sie für uns wie nicht existent. Das ist es doch, was passiert, wenn wir über einen dieser Steine stolpern: Wir fragen uns, wer dieser Mensch war, in welcher Umgebung er gelebt hat und was sein Vergehen war, dass man ihn, vielleicht zusammen mit seiner Familie, verhaftet, deportiert und ermordet hat. War es, weil er jüdisch war oder ein Sozialist, homosexuell, ein Sinto oder Rom, ein Behinderter oder psychisch Kranker, ein Widerstandskämpfer oder ein damals sogenannter «Asozialer»? Oder war es eine Frau, die einen ausländischen Mann geheiratet hatte und dadurch ihre Schweizer Staatsbürgerschaft und deren Schutz verlor?

Bis heute wurden insgesamt achtzehn Stolpersteine auf Schweizer Boden verlegt. Hier in Basel-Stadt, mit der Landgemeinde Riehen, finden wir eine besondere Situation vor. An der Landesgrenze wurden zuweilen ganze Gruppen von Schutzsuchenden, oft waren es Jüdinnen und Juden, abgewiesen und damit in den fast sicheren Tod nach Nazideutschland zurückgeschickt. Deshalb wurde heute Morgen als erstes eine sogenannte «Stolperschwelle» am Grenzübergang Riehen-Lörrach eingeweiht. Sie soll an die Tausenden von Menschen erinnern, die während der Nazizeit in die Schweiz flüchten wollten, aber von den Schweizer Behörden abgewiesen wurden, obwohl sie sich in Lebensgefahr befanden. Anders als die vier Stolpersteine, die heute in der Stadt Basel verlegt wurden, bleibt die Stolperschwelle, die Tausenden von Menschen gewidmet ist, namenlos.

Mitte der 1990er-Jahre brachte die Debatte um die nachrichtenlosen Vermögen und über ihre Rolle während des Zweiten Weltkriegs die Schweiz in eine tiefe Identitätskrise. Sie kam letztlich nicht mehr darum herum, ein neues Verhältnis zur Vergangenheit zu suchen, vom Sonderfall Schweiz ein Stück weit Abschied zu nehmen. Zwar liegt Auschwitz nicht in der Schweiz, worauf der damalige Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz verärgert hinwies und damit eine Verantwortung unseres Landes während der Kriegszeit negieren wollte. Aber dass die Schweiz nicht immer eine Musterschülerin war und auch Mitschuld trägt, zeigte der Bericht der 1996 eingesetzten «Unabhängigen Expertenkommission Schweiz -Zweiter Weltkrieg», der sogenannten «Bergier-Kommission» klar auf. Es erfolgte dabei eine gründliche Aufarbeitung der Rolle unseres Landes im Zweiten Weltkrieg. Seither ist unbestritten, dass die Schweiz für die Flüchtlinge mehr hätte tun können und tun müssen. Es gab aber auch mutige Schweizerinnen und Schweizer wie z.B. Paul Grüninger oder das Ehepaar Carl und Gertrud Lutz-Fankhauser, die unter Inkaufnahme persönlicher Risiken Spielräume zugunsten jüdischer Flüchtlinge nutzten. Sie sind uns damit bis heute und in Zukunft Vorbild in Sachen Zivilcourage.

Das Terrorregime der Nationalsozialisten und das unvorstellbare Grauen des Holocaust, die planmässige Ermordung von Millionen von Jüdinnen und Juden, bleiben tief verankert im kollektiven Gedächtnis der jüdischen Bevölkerung – auch hier in der Schweiz. Die hiesigen Jüdinnen und Juden mussten nicht nur um das Leben von Verwandten und Freunden im von Nazideutschland besetzten Europa bangen, sondern man hat ihnen auch noch Kosten, welche die jüdischen Flüchtlinge in der Schweiz verursachten, aufgebürdet.

Die Überlebenden und Zeuginnen und Zeugen des Holocaust sind teilweise noch unter uns. Aber es werden immer weniger, die den nachfolgenden Generationen noch unmittelbar vom Erlebten berichten können. Letztes Jahr sind Eduard Kornfeld und Gábor Hirsch gestorben. Beide gehörten zu den letzten Überlebenden, für die das Erinnern an die Schoah eine zentrale Lebensaufgabe war. Dem gegenüber steht heute eine ganze Generation von jungen Menschen, der das Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus vielfach fehlt.

Deshalb braucht es die Stolpersteine und sind wir als SIG dem Verein Stolpersteine Schweiz dankbar für diese wichtige Initiative und sein Engagement nicht nur gegen das Vergessen, sondern auch im Speziellen in der Vermittlung. Diesen Dank überbringe ich gerne auch im Namen der Plattform der liberalen Juden der Schweiz.

Gerade die Zusammenarbeit mit Bildungsinstitutionen ist von allergrösster Bedeutung, und dass vor allem mit jungen Menschen vermehrt über den Holocaust, die Schweizer Opfer und über die Haltung der schweizerischen Politik während der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten gesprochen wird. Deshalb freut es mich ausserordentlich, dass heute auch drei Schulklassen aus einer Sekundarschule und von zwei Gymnasien unseres Kantons bei den Steinsetzungen mitwirkten. Sie haben sich auf dieses Thema vorbereitet und sich heute in unterschiedlicher Weise, aber immer engagiert eingebracht.

Ich danke den Lehrpersonen und den Schülerinnen und Schülern, von denen auch eine Delegation unter uns ist, herzlich für dieses Engagement und ihre Beiträge. Ich bin überzeugt, dass Menschen, die als Jugendliche oder auch später eingänglich erfahren, was während dieser schrecklichen Zeit geschah, weniger dazu neigen, Minderheiten auszugrenzen und zu diskriminieren. Ich hoffe, sie entwickeln auch eine besondere Sensibilität für das Schutzbedürfnis heutiger Flüchtlinge, wenn diese in der Schweiz Zuflucht suchen.

Gerade auch aus der historischen Erfahrung heraus unterstützt übrigens der SIG bzw. seine Schwesterorganisation, der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen VSJF, geflüchtete Menschen, unabhängig von Nationalität, Religion und Weltanschauung. Seit vielen Jahrzehnten engagiert er sich für eine faire Asylpolitik und -praxis sowie für die gesellschaftliche Teilhabe von geflüchteten Menschen.

Die Stolpersteine, die lokale Geschichten und Schicksale erfahr- und greifbar machen, passen sehr gut zum geplanten «Schweizer Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus». Der SIG hat als Mitglied der Steuerungsgruppe am Konzept für das Memorial, einer Initiative der Auslandschweizerorganisation ASO, mitgearbeitet. Das Konzept wurde im Mai dieses Jahres dem Bundesrat übergeben und ist auch dank einer bemerkenswert grossen überparteilichen parlamentarischen Unterstützung auf sehr gutem Wege, realisiert zu werden. Es beruht auf den drei Säulen «erinnern – vermitteln – vernetzen» und sieht unter anderem einen offiziellen Gedenkort, vorzugsweise in der Bundeshauptstadt, vor. Ebenso viel Gewicht legen wir aber auch auf die Bereiche «vermitteln» und «vernetzen» und würden uns sehr wünschen, uns gerade in der Vermittlungsarbeit mit dem Verein Stolpersteine Schweiz intensiv auszutauschen. Das Memorial steht übrigens auch nicht in Konkurrenz zu den zahlreichen lokalen Gedenk- und Erinnerungsorten, etwa in Riehen, auf die das Memorial unter dem Aspekt der Vernetzung bestimmt hinweisen wird.

Orte der Erinnerung und Vermittlung, seien es die Stolpersteine oder eines Tages ein offizielles Schweizer Memorial, sind wichtig. Wir müssen uns zusammentun, wenn es darum geht, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten und vor allem zu vermitteln, wozu Menschen fähig sind und wie es dazu kommen konnte: durch Vorurteile, Ausgrenzung, Diskriminierung, unbeschreiblichen Hass bis hin zum Genozid.

Wer die Vergangenheit kennt und versteht, kann den Herausforderungen der Gegenwart besser begegnen. Auch dafür stehen die Stolpersteine; dass sie gerade bei der jungen Generation das Bewusstsein für Zivilcourage, eine stabile Demokratie und starke Menschenrechte fördern. Und dass sie uns die Bedeutung der Erinnerung für die Zukunft aufzeigen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bitte Sie, sich im Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus für einen Moment der Stille zu erheben. Vielen Dank.


Rede von SIG-Präsident Dr. Ralph Lewin am Gedenkanlass im Naturhistorischen Museum Basel anlässlich der Stolpersteinsetzungen vom 2.11.2021 in Basel.