Kurzansprache zur Ausstellung "Max Liebermann und die Schweiz"

03.07.2014, Museum Oskar Reinhardt

Sehr geehrter Herr Dr. Fehlmann, sehr geehrte Damen und Herren

Ich bedanke mich sehr für die Einladung, anlässlich der Eröffnung dieser aussergewöhnlichen Ausstellung im Namen des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, des Dachverbands der Juden in der Schweiz, einige Worte an Sie zu richten.

Max Liebermanns Jüdischsein ist auf den ersten Blick keine Eigenschaft, die sein Leben oder seine Rezeption in der Öffentlichkeit prägten. Trotzdem möchte ich auf diesen Aspekt in den nächsten paar Minuten Ihre geschätzte Aufmerksamkeit richten.

Liebermann stellte seine Religion nie in Abrede, doch war er ein so genannter assimilierter Jude, der sich primär als deutscher Bürger verstand. Sein Grossvater praktizierte zwar noch ein orthodoxes Judentum, seine Eltern aber und somit auch er als Kind besuchten jedoch die Gottesdienste einer jüdischen Reformgemeinde. Darüber, ob oder wie er im Erwachsenenalter seine Religion aktiv ausübte, ist wenig bekannt.

In Liebermanns Werken finden sich auch nur wenige Bilder mit religiösen Motiven. Es gibt ein frühes Bild, das Liebermann als Koch hinter einem Tisch mit Gemüsen, einem toten Huhn und Küchenutensilien zeigt. An dem Huhn ist ein Zettel mit einer roten Marke befestigt, die für eine koschere Schlachtung steht. In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ wurde später darauf verwiesen, dass man diese Darstellung „als liebenswürdige Gefälligkeit gegenüber den im Hause geübten Gebräuchen bezeichnen könnte“. Das Bild war ein Geschenk an Verwandte und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Grosse Bekanntheit, wenn auch eine negative, erlangte sein Bild „Der Zwölfjährige Jesus im Tempel“, welches Liebermann erstmals 1878 an der Internationalen Kunstausstellung in München zeigte: Es zeigte den Jesusknaben im Innenraum einer Synagoge selbstbewusst gestikulierend beim Disput mit den um ihn versammelten Schriftgelehrten. Gegen dieses Bild brandete eine Welle der Empörung auf, ja, man sprach vom „Jesus-Skandal“. Der jüdische Maler – so die damalige Kritik – habe sich an dem christlichen Thema vergangen, vor allem, da er den Heiland als „jüdischen Lausebengel“ von der Strasse charakterisiere. Der Künstler habe den „hässlichsten, naseweisesten Jungen, den man sich denken kann“ gemalt, hiess es in der Presse. Liebermann wurde als „Herrgottsschänder“ verunglimpft.

Liebermann war durch diese antisemitische Kritik zutiefst getroffen. Niemals habe er geglaubt und auch nicht beabsichtigt, dass das Bild als Demonstration für sein Judentum ausgelegt werde. Später erläuterte er: „Die misslichen Erfahrungen, die ich bei dieser Gelegenheit zu machen hatte, waren mir so zuwider, dass ich seitdem kein religiöses Bild mehr gemalt habe.“ Das angefeindete Werk übermalte Liebermann in der Folge, indem er den jungen Jesus neu gestaltete. Wie aufgrund von Skizzen vermutet wird, war sein Jesus ursprünglich dunkelhaarig, unordentlich gewandet, barfuss und mit Andeutung von für orthodoxe Juden typischen Schläfenlocken gemalt. In der Neufassung sehen wir einen niedlichen Knaben mit längeren blonden Haaren und Sandalen.

Max Liebermann wollte seine Religion nicht verleugnen. Doch wollte er auch nicht als Aussenseiter gelten, weder als Jude noch als Künstler. So tat er sich als guter Bürger und Patriot hervor: Im Deutsch-Französischen Krieg 1870 meldete er sich freiwillig und diente als Sanitäter. Später, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, trug er zur Kriegspropaganda bei, indem er Künstlerflugblätter zeichnete. Er gehörte auch zu den Unterzeichnern des Aufrufs „An die Kulturwelt“, in welchem der Vorwurf deutscher Kriegsverbrechen zurückgewiesen wurde. Später schrieb er dazu selbstkritisch: „Zu Beginn des Krieges überlegte man nicht erst lange. Man war mit seinem Lande solidarisch verbunden. (…) Meine ganze Erziehung habe ich hier erhalten, mein ganzes Leben habe ich in diesem Hause zugebracht (…). Und es lebt in meinem Herzen auch das deutsche Vaterland als ein unantastbarer und unsterblicher Begriff.“

Auch im zivilen Leben war es Liebermann wichtig, dazu zu gehören. Er war akzeptiertes Mitglied der bürgerlichen Oberschicht, übernahm im Laufe der Zeit wichtige Ämter, so zum Beispiel das Amt des Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, erhielt die Berliner Ehrenbürgerwürde, und grosse Ausstellungen wurden ihm gewidmet. An seinem 80. Geburtstag ehrte ihn Reichspräsident Paul Hindenburg mit dem Adlerschild des Deutschen Reiches „als Zeichen des Dankes, den Ihnen das deutsche Volk schuldet“. Zudem erhielt er die Goldene Staatsmedaille mit der Prägung „Für Verdienste um den Staat“.

Als Liebermann im selben Jahr angefragt wurde, Hindenburg zu porträtieren, nahm er den Auftrag gerne an und empfand ihn als weitere Ehrung, während andere den jüdischen Porträtisten als unpassend empfanden. Belustigt schrieb Liebermann: „Neulich hat ein Hitlerblatt geschrieben – man hat mir das zugeschickt –, es wäre unerhört, dass ein Jude den Reichspräsidenten malt. Über so etwas kann ich nur lachen. Ich bin überzeugt, wenn Hindenburg das erfährt, lacht er auch darüber. (…)“

Als am 30. Januar 1933 die Machtergreifung der Nationalsozialisten erfolgte, sollte sich für Liebermann aber alles ändern. Als er an diesem Tag vor seinem Haus in Berlin den Fackelzug der neuen Machthaber vorbeimarschieren sah, sprach er in seiner Berliner Mundart den viel zitierten Satz: „Ick kann jar nich so viel fressen, wie ick kotzen möchte.“

Trotzdem wehrte er sich nicht wie andere gegen die Ausgrenzung und die Veränderung in der Kulturpolitik. Das würde ihm als Juden als Feigheit ausgelegt, meinte er. Als er dann aber nur wenige Monate später von seinen vielfältigen Ämtern zurücktreten musste, erklärte er bitter: „Ich habe während meines langen Lebens mit allen meinen Kräften der deutschen Kunst zu dienen gesucht. Nach meiner Überzeugung hat Kunst weder mit Politik noch mit Abstammung etwas zu tun (…).“

Fortan zog er sich zurück und starb wenige Jahre später einsam; sein Tod war den Medien kaum eine Notiz wert. In einem Brief kurz vor seinem Tod beschreibt er seine Enttäuschung eindrücklich: „Wie ein fürchterlicher Alpdruck lastet die Aufhebung der Gleichberechtigung auf uns allen, besonders aber auf den Juden, die, wie ich, sich dem Traume der Assimilation hingegeben haben. Aus dem schönen Traum der Assimilation sind wir leider, leider nur zu jäh aufgewacht." Die Geschichte von Max Liebermann – diese Geschichte seiner zerplatzten Hoffnungen – macht mich zutiefst betroffen, verehrte Damen und Herren. Die Unfreiheit, die Illusionen und auch die Zerrissenheit, die ein Assimilierter jedenfalls zu dieser Zeit zu ertragen hatte, sind an seinem Beispiel hautnah spürbar. Sie bedürfen nach meinem Dafürhalten heute Abend keiner weiteren Auslegung.

So möchte ich auch mit einem letzten Zitat von Liebermann selbst schliessen – einem Bekenntnis, das seine Grundhaltung doch sehr klar auf den Punkt bringt und sich auch wie ein roter Faden durch sein keineswegs widerspruchsfreies Leben durchzieht: „Mein ganzes Leben lang“, so Liebermann, „habe ich immer zuerst gefragt: Was bist du für ein Mensch? Niemals aber: Bist du Jude, Christ oder Heide? Ich bin als Jude geboren und werde als Jude sterben.“

Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit.