Jubiläumsfeier zum 100-jährigen Bestehen der Synagoge Baden

21.08.2013,

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Josef

Sehr verehrter Herr Rabbiner

Verehrte Gäste

Liebe Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde Baden

Es ist mir eine ganz besondere persönliche Freude und eine Ehre, Ihnen die herzlichsten Glückwünsche des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes zur heutigen Feier zu überbringen – zur Geburtstagsfeier der Synagoge Baden, die fast auf den Tag genau vor 100 Jahren eingeweiht wurde.

Wie viele von Ihnen wissen, stammt meine Frau Anita aus Baden, und ich darf deshalb, sei es am Schabbat oder an Feiertagen, das Leben und den besonderen, familiären Esprit in dieser Gemeinde und insbesondere in dieser schönen Synagoge immer wieder selber miterleben.

Die israelitische Kultusgemeinde Baden ist eine Kleingemeinde innerhalb des SIG. Sie ist indes von einer derartigen Vitalität erfüllt, dass ich mir dies für manche grössere Gemeinde ebenfalls wünschen würde. Die Gemeinde Baden ist eine Einheitsgemeinde im besten Sinne des Wortes. die ganz spezielle Stimmung und Harmonie in dieser Gemeinde ist natürlich auch stark auf diese Synagoge zurückzuführen, die eine grosse Wärme ausstrahlt und das bestehende Zusammengehörigkeitsgefühl zusätzlich unterstreicht. Ich weiss nicht, ob es an den wunderschönen warmen Farbtönen in der Synagoge liegt oder an den Menschen, die diese Gemeinde ausmachen, Tatsache ist, hier herrscht bei jedem Gottesdienst eine aussergewöhnlich warme Atmosphäre, die einem umfängt. Dass es hier nach dem Gottesdienst noch ein gemütliches Zusammensein mit einem kleinen Apéro, den wir Kidusch nennen, und auch immer wieder gemeinsame Mahlzeiten gibt, trägt zweifellos zur schönen, familiären Stimmung bei. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass auch immer wieder Gäste von ausserhalb zu speziellen Gottesdiensten hierher kommen, und sich in dieser Atmosphäre wohl fühlen. Dasselbe trifft zweifellos auch für die vielen, vielen Besucher von Schulen, Kirchgemeinden etc. zu, denen diese wunderschöne Synagoge mit Stolz gezeigt wird.

Unter einem orthodoxen Rabbinat sind in dieser Gemeinde Jüdinnen und Juden verschiedener religiöser Ausrichtungen vereint. Alle diese Strömungen haben ihren Platz, respektieren sich gegenseitig und tragen das Ihre dazu bei, dass diese Gemeinde blüht. Wenn ich nur daran denke, wie Sie es fertig bringen, Woche für Woche am Freitagabend und am Schabbat-Morgen sowie an allen Feiertagen ein Minjan, also einen Gottesdienst von zehn Männern, zusammenzubringen, und dies bei einer eher kleinen, aber doch, im Gegensatz zu anderen Gemeinden, wachsenden Zahl von Mitgliedern, so ist dies absolut bewundernswert. Bei Ihnen, liebe Badener, herrscht ein wunderschöner Sinn für Solidarität!

Für den SIG hat Ihre Gemeinde eine ganz besondere Bedeutung, denn unser Dachverband wurde am 27. November 1904 hier in Baden gegründet und seit Anbeginn ist Baden ein äusserst aktives Mitglied des SIG. Wie zentral Baden, vor allem in den Ursprungszeiten des SIG war, zeigt sich darin, dass in den ersten zwanzig Jahren des Bestehens des SIG fast ausnahmslos alle unsere Delegiertenversammlungen hier durchgeführt wurden. Erst danach kamen auch andere Gemeinden zum Zug. Aus Ihrer Gemeinde kam bekanntlich auch ein SIG-Präsident, unser verehrter Dr. Michael Kohn, der dieses Amt von 1988 bis 1992 ausübte.

Speziell erwähnen möchte ich auch den grossen Einsatz Ihres Gemeindepräsidenten, unseres geschätzten Dr. Josef Bollag, in der Geschäftsleitung des SIG, und zwar von 2000 bis 2008, davon die letzten vier Jahren als Vizepräsident.

Anlässlich meiner Grussbotschaft zum 150-jährigen Bestehen der Gemeinde habe ich den Wunsch ausgedrückt, dass sich der eine oder andere der jüngeren Badener Generation auch einmal im SIG engagiert oder ganz allgemein für unsere Religionsgemeinschaft engagieren würde. Nun, dieser Wunsch wurde erfüllt. Nicht nur hatten wir aus Ihrer Gemeinde während einigen Jahren zwei äusserst engagierte Jugendleiter. Ein Mitglied Ihres Vorstandes bringt sich heute aktiv in unserer Arbeitsgruppe Kultur ein und ein weiteres Mitglied ihrer Gemeinde ist in der Rechnungsprüfungskommission des SIG tätig. Für eine Kleingemeinde ist ihr Engagement für die jüdische Gemeinschaft und insbesondere für den SIG absolut exemplarisch.

Lassen Sie mich bei allem Feiern noch kurz ein Thema ansprechen, das uns in der heutigen Zeit mehr und mehr beschäftigt. Die religiöse Landkarte der Schweiz hat sich, wie wir alle feststellen, in den letzten Jahren stark verändert. Alle Religionsgemeinschaften, und ganz besonders wir als Minderheitsreligion, werden vor neue Herausforderungen gestellt. Die religiöse Vielfalt hat neue Horizonte, aber auch neue Konfliktfelder eröffnet. Echte, vor allem aber auch vermeintliche Spannungsfelder sind entstanden – denken Sie nur zum Beispiel an die Debatte über Kopftücher oder auch über konfessionelle Friedhöfe, aber auch an die unsägliche Knabenbeschneidungsdebatte im letzten Jahr. Gleichzeitig ist auch spürbar, wie die Menschen auf der Suche sind. Sie sind auf der Suche und gleichzeitig misstrauisch, wenn es um Religion und Glauben geht.

In dieser Situation ist es wichtig, dass wir Jüdinnen und Juden uns den Debatten stellen und die Werte, an die wir glauben, in die Diskussion mit einbringen. Ich kann dies nicht besser formulieren, als es Louis Wyler, der Vizepräsident Ihrer Gemeinde, anlässlich der Einweihung dieser Synagoge vor 100 Jahren verkündet hat. Ich zitiere ihn: „Wir feiern zugleich Synagogenweihe und Emanzipation, darin liegt die ernste Mahnung auch zur Treue zum Vaterland. Wir leiden unter mancher Zurücksetzung. Darin ist nicht die Verschiedenheit der Religionen schuld, sondern vor allem der Mangel an Kontakt. Wir wollen aufrechte Juden sein. Wir wollen sprechen: Wir haben in Eurer Mitte unseren Tempel gebaut, das ist unser Recht, wir haben unsere Religion. Aber wir stehen Treu zu Euch. Das ist Emanzipation, wie wir sie verstehen.“

Nun für die heute so brennende Diskussion über Werte und Spannungsfelder in unserer Gesellschaft brauchen wir kluge und engagierte Köpfe, alte und junge, Frauen und Männer! In Baden gibt es viele davon, und in diesem Sinne wünsche ich Ihnen auch weiterhin ein angeregtes und ein so blühendes Gemeindeleben und, wie wir Juden zu sagen pflegen: Masal und Bracha!

Ich wünsche Ihnen allen eine schöne Feier und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.