Jubiläumsfeier 150 Jahre Gleichberechtigung der Juden in der Schweiz

17.01.2016, Bern

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Schneider-Ammann

Sehr geehrte Frau alt Bundespräsidentin Dreyfuss

Sehr geehrter Herr Regierungsrat Neuhaus

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident Tschäpät

Liebe Ada Marra, lieber Beat Walti, verehrte Damen und Herren im Patronatskomitee

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde

Es ist mir eine grosse Freude, Sie heute im Namen des SIG hier im Kornhausforum begrüssen zu dürfen. Am 19. Mai 1966, also vor fast 50 Jahren, fand in Zürich eine ebensolche Jubiläumsfeier statt, bei der man der 100 Jahre Gleichberechtigung der Juden in der Schweiz gedachte, und es erfüllt mich mit Stolz, dass wir im 150. Jubiläumsjahr eine weitere Feier ausrichten.

In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 heisst es: „Alle Menschen sind frei und gleich geboren.“ Die Anerkennung dieses Credos, das seinen Ursprung in der Philosophie der Aufklärung hat, schuf den Boden für die Gleichberechtigung der Juden in der Schweiz. Zusätzlich brauchte es jedoch Intervention von aussen: 1866 übten ausländische Staaten wirtschaftlichen Druck auf die Schweiz aus, den Juden gleiche Rechte zu gewähren. Die Schweiz, die um ihre Handelsbeziehungen fürchtete, gab nach. In einer Volksabstimmung im selben Jahr wurde den Juden, mit einer knappen Mehrheit von 53%, die Niederlassungsfreiheit und die Ausübung der vollen Bürgerrechte gewährt. Allerdings dauerte es noch bis 1874, als mit der revidierten Bundesverfassung allen Schweizern auch die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert wurde. Erst dann war rechtlich gesehen die Emanzipation der Juden in der Schweiz vollzogen. Nun konnte sich jüdisches Leben in allen Landesteilen entfalten. Die jüdische Bevölkerung, die alt eingesessene ebenso wie die zugewanderte, trug wesentlich zur prosperierenden Entwicklung der neuen städtischen Zentren bei.

Das schicksalhafte 20. Jahrhunderts, mit der Katastrophe der Schoa und der Staatsgründung Israels 1948, stellte die hiesige jüdische Gemeinschaft immer wieder vor neue Herausforderungen. Doch die Geschichte der Schweizer Juden seit der Gleichstellung ist vor allem eine Erfolgsgeschichte. Und wenn wir heute 150 Jahre Gleichberechtigung der Juden in der Schweiz feiern, blicken wir auf über fünf Generationen zurück, welche die Entwicklung dieses Landes mitgeprägt haben. Wir sind allesamt Schweizerinnen und Schweizer auf Augenhöhe mit allen Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes und haben gleichzeitig unsere jüdischen Traditionen und Eigenheiten bewahrt.

Die Vielfalt der Juden und des Judentums in der Schweiz findet in der vorliegenden Ausstellung ihren Ausdruck: Ich freue mich ganz besonders, dass wir diese Eröffnung im Beisein derjenigen 15 Personen feiern können, die sich bereit erklärt haben, sich für die Ausstellung porträtieren zu lassen. Jene, die heute nicht persönlich anwesend sein können, sind zumindest für uns in einer eindrücklichen Fotografie an der Wand präsent. Wie sind Ihnen allen zu grossem Dank verpflichtet, ist es doch nicht selbstverständlich, solche persönlichen Einblicke zu geben und sich auf einer grossformatigen Fotografie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dass es Ihnen allen auch Spass gemacht hat, davon zeugen die Porträts, vom Berner Fotografen Alexander Jaquemet grossartig in Szene gesetzt.

Die in der Ausstellung versammelten Persönlichkeiten, sind allesamt Schweizerinnen und Schweizer, alle Jüdinnen und Juden. Sie zeigen uns auf bemerkenswerte Art, wie es möglich ist, verschiedene Identitäten, verschiedene Kulturen in sich zu vereinen:

Sei es zum Beispiel die ehemalige Bundesrichterin, der die Emanzipation eine aussergewöhnlich Karriere ermöglicht hat, als Jüdin und als Frau; sei es der Rechtsanwalt, für den es kein Widerspruch ist, praktizierender Jude und Vorstandsmitglied in der SVP-Kreispartei zu sein; sei es die Kinounternehmerin, für die Kino und Judentum eng mit den Begriffen Heimat und Tradition verbunden sind; sei es der Viehhändler, dessen Vorfahren alle Surbtaler Jiddisch sprachen und dessen christlicher Metzger es heute noch spricht; sei es die ehemalige Polizeidirektorin, die als Kind zur Flucht aus Ägypten gezwungen und später selber zur „Schweizermacherin“ wurde.

Diese spannenden Biografien machen deutlich, wo wir, die Schweizer Juden, heute, 150 Jahre nach der Emanzipation stehen: Wir sind nicht einfach gut integriert - wir sind ein integraler Bestandteil dieses Landes und dieser Gesellschaft geworden. Heute gestalten die rund 18000 Schweizer Jüdinnen und Juden Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur mit.

Diese Ausstellung, diese Reise zu den Schweizer Juden soll all jene ansprechen, denen eine offene, pluralistische Schweiz am Herzen liegt. Sie soll diejenigen ansprechen, die ihren jüdischen Mitmenschen mit Neugierde und Toleranz begegnen. Und sie soll all jene ansprechen, die nicht zuletzt die Gemeinsamkeit mit dem anderen suchen und nicht den Unterschied.

Bevor ich schliesse, möchte ich es nicht versäumen, Ihnen allen unseren Dank auszusprechen:

Den Sponsoren, die mit ihrer grosszügigen Unterstützung dieses Projekt überhaupt erst möglich gemacht haben.

Herzlichen Dank an Ada Mara und Beat Walti und allen Damen und Herren im Patronatskomitee.

Des Weiteren möchten wir der furrerhugi AG und im Speziellen Pascal Krauthammer und Myriam Burkhard für die fruchtbare und gute Zusammenarbeit danken, die in dieser schönen und würdigen Veranstaltung und einem aussergewöhnlichen Jubiläumsjahr münden.

Und zuletzt geht unser grosser Dank an Bernhard Giger und dem Kornhausforum für die Realisation dieser Fotoausstellung. Es wurde hier etwas geschaffen, das uns mit Stolz erfüllt, und wir freuen uns, wenn die Ausstellung ab März sowohl in der deutschen als auch der französischen Schweiz auf Wanderschaft geht.

Nun freue ich mich, mit Ihnen anzustossen und im Anschluss im Stadtsaal die Kulturveranstaltung zu geniessen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

(Es gilt das gesprochene Wort)