Gemeindesonntag der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Seebach über Paul Volgt

22.03.2015, Zürich-Seebach

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich nehme die Gelegenheit gerne wahr, im Namen des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG, des Dachverbandes der jüdischen Gemeinden der Schweiz, einige Worte an Sie zu richten, und danke Ihnen, lieber Herr Pfarrer Rusterholz, sehr herzlich für die Einladung.

In den düsteren Jahren 1933 bis 1945 gehörte Pfarrer Paul Vogt zu den herausragenden Persönlichkeiten in unserem Land. Wie kein Zweiter setzte er sich für alle benachteiligten und verfolgten Menschen ein, schrie die systematische Ermordung der Juden buchstäblich heraus und kritisierte die Hartherzigkeit der Behörden.

1936 war Pfarrer Vogt Mitbegründer der Schweizerischen Zentralstelle für Flüchtlingshilfe. Im Sommer 1938 schrieb er, der mittlerweile Pfarrer in Zürich Seebach geworden war, in der Schrift „Juden und Christen“: „In unserer Welt ist ein furchtbarer Hass gegen Juden entbrannt, der sie samt und sonders ausrotten will. Das kann uns Christen nicht gleichgültig sein.“

Unter dem Eindruck der fürchterlichen Ereignisse der Reichspogromnacht von November 1938 setzte sich Pfarrer Vogt fortan vehement für jüdische Flüchtlinge ein. Namentlich gehen der sogenannte Flüchtlingsbatzen sowie die Freiplatzaktion, welche Flüchtlinge bei Privaten statt in Arbeitslagern unterzubringen versuchte, auf ihn zurück. Er klärte auf, predigte, schrieb unermüdlich und kämpfte gegen das, wie er es nannte, «Virus des Antisemitismus».

Er war auch derjenige, der nach einer langen Zeit des Nebeneinander von Reformierten und Juden in Zürich, unter dem Druck der verzweifelten Lage, 1942 die ersten Kontakte mit dem damaligen Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde ICZ, Dr. Zwi Taubes, knüpfte. Aufgerüttelt durch die Informationen über die ausweglose Lage der Juden in Europa, die er von Rabbiner Taubes erhielt, folgte auch eine Annäherung mit Vertretern des SIG. Zu Recht kann diese Annäherung als Anfang eines regelmässigen, heute selbstverständlich gewordenen Dialogs auf Augenhöhe zwischen Juden und Reformierten bezeichnet werden.

Nach dem Krieg wurde die Verständigung von Christen und Juden fortgesetzt und mündete 1945 in die Gründung der Arbeitsgemeinschaft von Christen und Juden. Als Mitglied der Gesellschaft Schweiz-Israel sprach sich Pfarrer Vogt stets auch klar für die Existenz und das Existenzrecht des Staates Israel aus.

Dass heute, über 30 Jahre nach seinem Tod, ein Werk vorliegt, das Pfarrer Vogts Engagement für die jüdischen Flüchtlinge in den Kriegsjahren und später für die Verständigung von Christen und Juden würdigt, erfüllt uns mit grosser Genugtuung. Das Andenken der jüdischen Gemeinschaft an Pfarrer Vogt ist mit Dankbarkeit und grossem Respekt erfüllt. Ich wünschte mir, es hätte mehr Menschen von seinem Format gegeben, die es nicht bei Lippenbekenntnissen beliessen.

Unser Dank und unsere Anerkennung gehen auch an Pfarrer Rusterholz, der mit seiner Schrift dem Wirken und der Leistung von Pfarrer Vogt eine Stimme verleiht. Diese Arbeit trägt dazu bei, dass die Person und das mutige Handeln von Pfarrer Vogt nicht in Vergessenheit geraten.

Aber es reicht nicht, uns mit der Vergangenheit zu befassen. Dieses Buch ist auch aktuell von grosser Wichtigkeit. Wenn wir heute in der Schweiz und in vielen anderen Ländern mit Flüchtlingen, ja Flüchtlingsströmen konfrontiert sind, sollten wir an die Menschlichkeit und Gradlinigkeit von Pfarrer Paul Vogt denken und unsere eigene, häufig abweisende Haltung überdenken. In diesem Sinne hoffe ich, dass dieses Buch auch viele junge Leser erreichen wird, die in Pfarrer Vogt ein Vorbild finden werden.

Lieber Pfarrer Rusterholz, Sie hätten den Buchtitel, ein Zitat von Pfarrer Vogt, nicht besser wählen können: „Als ob unseres Nachbars Haus nicht in Flammen stünde“, darf uns nicht nur im historischen Kontext der Kriegsjahre etwas angehen, sondern auch hier und heute im Jahr 2015.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!