Die relative Bedeutung wirtschaftlichen Wohlstands

14.01.2009,

Im Jahr 2008 hat die Finanz- und Wirtschaftskrise als fast allgegenwärtiges Thema die Welt und auch die jüdische Gemeinschaft stark bewegt. Die vorliegenden Zeilen wollte ich ursprünglich den damit verbundenen Herausforderungen widmen. Diese sind nun allerdings seit dem Wiederaufflammen des Konflikts im Gazastreifen und im südlichen Israel in den Hintergrund getreten – für uns als Juden, aber auch in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Angesichts von Menschen, die um ihre Sicherheit, um Leib und Leben fürchten, wird uns die relative Bedeutung finanzieller Sicherheit und wirtschaftlichen Wohlstands wieder einmal vor Augen geführt.

Mit dem Dauerbeschuss durch die radikalislamische Hamas kam Israel nicht umhin, auf die Terrorisierung seiner Bevölkerung und die gezielten Provokationen mit einer Militäroffensive zu reagieren. Diese erneute Verschärfung des Konflikts ist kein guter Start ins neue Jahr. Als Juden in der Schweiz sind wir in Sorge um den Staat und das Volk, mit dem wir uns innig verbunden fühlen, aber auch um Familie, Freunde und Bekannte in Israel. Dass auf beiden Seiten Zivilpersonen einmal mehr die Hauptleidtragenden sind, ist zutiefst zu beklagen, und die zivilen Opfer machen mich sehr betroffen. Es liegt mir daran, dem israelischen Volk und allen Not leidenden Unschuldigen unsere Solidarität auszusprechen.

Der SIG wurde in den letzten Wochen von vielen Medien um Stellungnahmen angefragt und hat eine Vielzahl von Interviews gegeben. In einem Statement ist er zusammen mit der Plattform der Liberalen Juden der Schweiz deutlich für Israels Existenz- und Selbstverteidigungsrecht eingetreten und hat die Position der Juden in der Schweiz klar zum Ausdruck gebracht. Trotzdem verlaufen die Kriegsfronten auch diesmal teilweise bis in die Medien hinein, und die Propaganda der Hamas verfehlt bisweilen ihre Ziele auch hierzulande nicht. Nach meiner Beobachtung sind die Berichterstatter jedoch mehr als auch schon um eine sachliche Darstellung bemüht. Dies verdient nicht etwa Lob, sondern sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Vom Bundesrat erwartet der SIG eine ausgewogene Haltung. Von Israel-Kritikern fordern wir, dass sie ihre Verantwortung wahrnehmen und gegen antisemitisch untersetzte Israelkritik in aller Entschiedenheit vorgehen. Beunruhigende antisemitische Tendenzen sind in Schmierereien an öffentlichen Gebäuden festzustellen. In Zuschriften an den SIG ist ein Hang spürbar, die Juden in der Welt für die Vorgänge in Israel kollektiv verantwortlich zu machen. Teilweise erhalten wir auch eigentliche Hass-Schreiben. Doch diese betrübliche Entwicklung widerspiegelt zum Glück nicht die Volksmeinung. Die meisten Schweizerinnen und Schweizer reagieren differenziert und besonnen auf den Konflikt.

Auch in Zeiten kriegerischer Ereignisse bleibt die Wirtschafts- und Finanzkrise ein beunruhigender Fakt und wird das laufende Jahr prägen. Während einige in der Schweiz zu Beginn der Meinung waren, unser Land würde verschont bleiben, setzt sich mittlerweile die Erwartung durch, dass es keinen Sonderfall Schweiz geben wird. Eine beträchtliche Zahl von Menschen dürfte von Arbeitslosigkeit betroffen werden, Juden und Jüdinnen nicht ausgenommen. In Fällen, in denen dies zur sozialer Not führt, sind die Sozialressorts der verschiedenen Gemeinden und des VSJF aufgerufen zu helfen. Gleichzeitig muss aufgrund von Finanzverlusten und Budgetkürzungen damit gerechnet werden, dass bei gemeinnützigen Institutionen die offene Hand für wohltätige Zwecke zurückhaltender sein wird.

Trotz dunkler Wolken müssen wir Zuversicht bewahren. In Bezug auf den Nahostkonflikt bleibe ich langfristig gegen alle Vorzeichen hoffnungsvoll. Und was die Krise der Wirtschaft betrifft, so wird sie früher oder später ein Ende finden, und es wird wieder aufwärts gehen. Wir haben dabei allen Grund, auf die innerjüdische Solidarität, unsere bewährte Tradition der Zedaka, zu vertrauen. Angesichts schwerer wiegender Themen werden, so hoffe ich, auch gewisse Auseinandersetzungen innerhalb unserer Gemeinschaft an Bedeutung verlieren – etwa zwischen grossen und kleinen Gemeinden, oder zwischen Einheitsgemeinden, orthodoxen Gemeinden und liberalen Gemeinden. Lassen wir die Gemeinsamkeiten, die uns verbindenden Elemente, wieder stärker ins Zentrum rücken! Krisen sind wie immer zugleich Chancen, auch für das Judentum in der Schweiz.

Herbert Winter