Abschiedsrede von Herbert Winter an der SIG-Delegiertenversammlung 2020

18.10.2020, Bern

[Die Rede konnte aufgrund der kurzfristig massiven Programmverkürzung nicht gehalten werden. Sie steht aber hier in in ihrer ganzen Länge und ursprünglichen Version zur Verfügung.]

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde

Bevor ich beginne, möchte ich dir, Daniel, ganz herzlich für die schönen Worte des Lobes über meine vergangenen zwölf Jahre danken. Sie haben mich sehr berührt.

Mit dem, was ich Ihnen jetzt sagen werde, verabschiede ich mich: Ich halte heute meine letzte Ansprache als Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Meine Abschieds-Gefühle kann ich mit einem Satz zusammenfassen: Ich war gerne Präsident! Es war die Ehre meines Lebens, der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz und Ihnen allen als Präsident des SIG dienen zu dürfen.

Die Tatsache, dass ich gerne Präsident war, hängt direkt mit der primären Aufgabe zusammen, die Interessen von uns Juden in der Schweiz wahrzunehmen: Diese Zielsetzung motivierte mich über alle Jahre hinweg bei der täglichen Arbeit; genauso wichtig waren für mich aber auch die Themen und Problemstellungen innerhalb der vielfältigen jüdischen Gemeinschaft selbst.

In beiden dieser Aufgabenbereiche entwickelten sich während dieser Zeit unzählige wichtige Beziehungen zu Menschen – Beziehungen, die ich nicht missen möchte! Sie gehören zu den schönsten Tätigkeiten des präsidialen Amtes. Deshalb dominiert am Ende meiner Präsidialzeit eine für mich wichtige, persönliche Erfahrung: Ich bin dankbar, liebe Freunde, Ihnen allen begegnet zu sein; die Gespräche, häufig auch bei Besuchen in Ihren Gemeinden, haben mich gestärkt, inspiriert und oft auch beeinflusst und geprägt. Deshalb danke ich Ihnen allen für die Freundschaft und Unterstützung, die ich im Laufe der Jahre gespürt und praktisch erlebt habe.

Nun ist es an der Zeit, einem Nachfolger Platz zu machen, der mit neuen Ideen und Inhalten unseren traditionsreichen SIG weiterführt, der Sie, liebe Freunde und Freundinnen und Ihre Gemeinden, unterstützt und besucht. Meine Sympathie und meine besten Wünsche begleiten meinen Nachfolger und sein Führungsteam über den heutigen Tag des Rücktritts hinaus.

In dieser Abschieds-Rede will ich den Dank aber noch etwas präzisieren: Alle Mitglieder der Geschäftsleitung haben mich mit einem Höchstmass an Engagement begleitet und inspiriert. Ihr unermüdlicher, von grossem Sachverstand geprägte Einsatz bleibt eine wichtige persönliche, schöne Erinnerung an meine Präsidial-Zeit. Lassen Sie mich Ihnen allen noch einmal einzeln danken. Jede bzw. jeder von ihnen verdient einen grossen Applaus. Vorweg meine mich stets solidarisch unterstützende Vizepräsidentin Sabine Simkhovitch-Dreyfus, und jetzt in alphabetischer Reihenfolge, nicht weniger Applaus verdienend: Francine Brunschwig, Jacques Lande, Evelyne Morali, Edouard Selig und Ariel Wyler. Grossen Applaus verdient natürlich auch unser Generalsekretär Jonathan Kreutner. Er soll dem SIG noch lange erhalten bleiben.

Liebe Anita, lieber Gadi, lieber Manuel, lieber Rafael und last, but not least liebe Alisa

Nein, ihr gehört nicht zur GL des SIG oder zu irgendeinem Gremium. Aber was ihr in den vergangenen 12 Jahren für mich getan habt, war einmalig und verdient ein besonderes, ganz grosses Dankeschön. Ihr wart meine konstruktivsten, wenn auch häufig kritischsten und herausforderndsten Gesprächspartner. Ihr habt mir zugeredet, wenn ich unsicher war, aber auch vor Gefahren geschützt und vor unüberlegten Schritten abgeraten. Euch konnte ich immer blind vertrauen. Ihr wart meine Stütze in diesen 12 Jahren. Dabei habt ihr nicht immer nur die schönen Seiten meines Amtes mit mir geteilt, sondern auch die schwierigeren, von denen es, ihr wisst es, nicht wenige gab. Nun freue ich mich, gemeinsam mit Euch ein neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen und wünsche uns eine schöne gemeinsame Zukunft.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, die Arbeit, die wir alle für den SIG leisten, ist wichtig; folgerichtig müssen wir immer wieder die Frage stellen, warum denn eigentlich der Schweizerischer Israelitische Gemeindebund als Organisation so wichtig ist – für uns Juden und darüber hinaus für die ganze Schweiz?

In dieser Fragestellung drückt sich Selbstbewusstsein aus. Das weiss ich, und deshalb stelle ich diese Frage in dieser direkten Art. Die Frage nach Wichtigkeit und Relevanz des SIG muss immer wieder in dieser direkten, grundsätzlichen Form gestellt werden.

Meine Antwort lautet: Bedeutung und Einfluss des SIG sind nicht nur für uns Juden wichtig, sondern sie zielen direkt auf das Selbstverständnis der Schweiz. Wenn wir die Frage nach der Position der Juden in unserer Gesellschaft stellen und nach unserem jüdischen Leben im Alltag, erfahren wir, wie unser Land grundsätzlich mit Minderheiten, ihren Regeln, Gebräuchen und Überzeugungen umgeht.

Durch die Corona-Krise erleben wir es erneut: absurde Verschwörungstheorien und platter Antisemitismus werden in weiten Kreisen plötzlich wieder beachtet. Machen wir uns nichts vor: Durch das Internet, durch die sozialen Medien, vor allem aus dem Ausland, werden heutzutage primitivste rassistische Äusserungen rascher verbreitet denn je zuvor. Die Erkenntnis, dass Antisemitismus als älteste Form des Fremdenhasses sich auch bei Menschen verbreitet, die noch nie einem Juden begegnet sind, ist alt. Und genau deshalb vertritt der SIG unermüdlich die Interessen des vielfältigen jüdischen Lebens und seiner Exponenten, sichtbar und kraftvoll. Mit diesem Selbstbewusstsein hat sich der SIG im Laufe seiner Geschichte zu einer gesellschafts- und religionspolitischen Kraft entwickelt – über das Judentum hinaus. Wir helfen mit, ja wir stehen dafür ein, dass auf die Freiräume für Minderheiten geachtet wird, dass sie erhalten bleiben und vergrössert werden.

Der SIG ist zentral und wichtig für uns Schweizer Juden – aber darüber hinaus ist er auch zentral und wichtig für das Zusammenleben aller anderen Menschen in unserem Land. Der Sinn für die Gemeinschaft und die Fähigkeit zu Toleranz und Kompromissbereitschaft ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte unseres Landes - seit der Gründung des Bundesstaates 1848 und vor allem seit 1865 den Juden die rechtliche Gleichstellung eingeräumt wurde. Der SIG als Institution hilft mit, diesen gemeinsamen Werten Sorge zu tragen.

In unseren Zeiten werden das Zusammenleben und der Zusammenhalt auf die Probe gestellt. Fremdenfeindlichkeit wird wieder offen gezeigt. Intoleranz macht sich breit. Antisemitismus, Rassismus, Hetze gegen Andersdenkende, Anderslebende und gegen Menschen mit Migrationshintergrund lauten die Stichworte. Die Schweiz ist Teil dieser Welt und mitten in Europa: Wir sind keine Zuschauer und deshalb ebenso betroffen von Antisemitismus. Gleichzeitig wissen wir, dass diese Täter nicht nur von Antisemitismus, sondern auch von anderen fragwürdigen Geisteshaltungen inspiriert sind; ich denke an Corona-Leugner, Impf-Gegner oder ganz einfach Rassisten. Häufig aber bilden antisemitische Geisteshaltungen einen gewichtigen Teil dieser lautstarken Gruppen. Genau hier setzt der SIG mit seiner Arbeit in der Öffentlichkeit an: in den Schulen, gegenüber den Medien und gezielt auch in der Politik.

Diese Zielsetzung möchten wir mit verschiedenen Mitteln erreichen, primär mit Aufklärung und Dialog. Bei diesen Dialogen heben wir nicht einfach das Gemeinsame und Verbindende hervor, um künstlich liebenswürdig zu sein. Nein, wir sprechen auch das Trennende an, das Fremde, das Unbekannte, zum Beispiel mit unserem Dialogprojekt Likrat, das Sie sicher alle schon kennen. Mit Likrat haben wir seit der Gründung schon über 30’000 nicht-jüdische Jugendliche erreicht. Gleichzeitig haben wir bei den jungen jüdischen Teilnehmern aus Ihren Gemeinden deren jüdische Identität gefestigt und verstärkt, ein Anliegen, das dem SIG seit seinem Bestehen ganz, ganz wichtig war.

Um einen solchen Dialog grundsätzlich und offensiv in Politik, Gesellschaft und Religion zu führen, brauchen wir Persönlichkeiten auf beiden Seiten, die ihn inhaltlich führen können – in den Medien, in den Parlamenten, in den social Media als Blogger und Twitterer, in den Hochschulen, aber auch an den Stammtischen und spontan in Familien und Freundeskreisen. Diesen Dialog müssen wir über alle sozialen und Bildungsschichten fortsetzen: unkompliziert, direkt und alltagsnah. Dann erreichen wir den Bürger, die Bürgerin im alltäglichen Leben und stossen oft auf eine mit Vorurteilen und Unkenntnis durchseuchte Gesellschaft.

Es reicht nicht aus, bei irgendwelchen dummen Sprüchen oder schlechten Witzen vornehm zu schweigen: Wir haben die Pflicht in der Mitte der Gesellschaft, eben im vielzitierten Alltag, sofort das Wort zu ergreifen und zu widersprechen, zu korrigieren, zu präzisieren. Dürftige Ausreden wie «ich habe es ja nicht bös gemeint» oder «es war ja nur ein Witz», dürfen wir nicht akzeptieren.

Auch der SIG führt diese Auseinandersetzungen; er ist verantwortlich für die Aufklärungsarbeit. Das ist eine unserer primären Aufgaben, die wir Tag für Tag wahrnehmen.

Antisemitismus darf im öffentlichen Raum in der Schweiz keine Chance haben - weder durch Rechte, Linke, Muslime oder fundamentalistische Religions-Gegner. Unseren vielen Gesprächspartnern in Politik, Zivilgesellschaft, Kirchen und Medien danke ich an dieser Stelle, dass sie uns unterstützen und sich mit uns solidarisieren. Die Eindeutigkeit der Wortwahl ihrer Stellungnahmen haben mich häufig sehr beeindruckt.

Und trotzdem muss ich eine kritische Anmerkung machen: Wenn es um die Sicherheit von uns Juden geht, reichen schöne Worte allein nicht aus!

Meine Damen und Herren, das Sicherheitsthema beschäftigt die Juden und Jüdinnen in der Schweiz, und zwar zu recht: Jede Analyse der Situation, auch die des Bundes, endet jeweils mit einer eindeutigen Konklusion: «Juden sind eine erhöht gefährdete Minderheit.» Deshalb müssen die Leistungen des Staates zum Schutz unserer jüdischen Einrichtungen erhöht werden; ja, wir sind dankbar und freuen uns über den Teilerfolg, dass die Eidgenossenschaft und die Kantone jetzt Finanzmittel investieren, um jüdische Infrastrukturen zu schützen. Dies reicht aber bei weitem nicht. Es braucht unbedingt viel umfassendere, weitergehende Massnahmen des Staates, des Bundes, der Kantone und der Städte. Anschläge auf Synagogen, jüdische Museen und Schulen im Ausland beweisen das Gefährdungspotential. In der Schweiz fühlen wir Juden uns zwar relativ sicher – aber jeder von uns spürt die tiefsitzende Besorgnis. Die Terrorattacken von Halle vor einem Jahr und vor wenigen Tagen in Hamburg hat niemand von uns vergessen.

Um es ganz klar zu sagen: wir fordern nicht Geld, sondern Sicherheit und Schutz. Darum geht es. Wir Juden haben wie alle Menschen in unserem Land das Recht, vor Angriff und Bedrohung bewahrt und geschützt zu werden. Bei meinen Besuchen in Ihren Gemeinden habe ich diese Sorge immer wieder vernommen.

Bei diesem zentralen Punkt, unserem Gemeindeleben, will ich ein Fazit ziehen: wir dürfen stolz sein auf unser aktives Gemeindeleben in seiner Vielfalt, die wir in Zukunft noch stärker nach aussen tragen sollen. Wir dürfen den SIG mit Stolz vorzeigen: Unser Dachverband kann die Zukunft geeint, stabil und stark anpacken; der SIG muss alles daran setzen, die manchmal mühevolle und anstrengende jüdische Diversität abzubilden.

Natürlich muss ich auch benennen, dass es mir nicht gelungen ist, einen alten persönlichen Wunsch zu erfüllen, nämlich alle Juden unseres Landes – auch die in liberalen Gemeinden und jene in vereinzelten anderen kleinen charedischen Gemeinden – unter dem ausladenden, breiten Dach des SIG willkommen heissen zu dürfen. Ich bedaure das und hoffe, dass dieser Wunsch doch bald einmal in Erfüllung geht.

Die Leistungen, welche ihre Gemeinden Tag für Tag erbringen, sind beeindruckend; in der schwierigen Corona-Zeit müssen sie sich oft doppelt bewähren: In solchen Krisen zeigt sich der Wert der Gemeinsamkeit und des Zusammenhalts. Die partnerschaftlichen Kooperationen zwischen grossen und kleinen Gemeinden, Einheits- und charedischen Gemeinden waren beispielhaft und bleiben es hoffentlich auch weiter. Das lebensbedrohende Virus bringt uns zusammen. Alle Juden, charedische, orthodoxe, traditionelle, liberale und säkulare, in der Tat die ganze Menschheit, wir alle sind Ziel dieser Krankheit. Deshalb müssen wir jetzt mehr denn je jegliche Spaltungen in unserer Gemeinschaft ablegen. Corona gibt uns allen eine unerwartete Gelegenheit, dem Spruch des Talmud nachzuleben: Kol Israel Arevim se ba se. Nützen wir diese Gelegenheit!

Spaltungen zu überwinden, das Anderssein besser zu verstehen und die unterschiedliche Vielfalt als Bereicherung zu begrüssen – darin lag auch der Sinn meiner Gespräche mit den Exponenten der anderen Religionen. Der Respekt, mit dem wir uns begegneten, empfand ich stets als Bereicherung. Auch hier erlaube ich mir ein Fazit zu ziehen: Am Ende meiner Amtszeit als Präsident darf ich festhalten, dass wir grosse Fortschritte gemacht haben – gerade auch dann, wenn wir den Mut hatten, zu den Unterschieden und den Differenzen zu stehen. Die in den Jahren gewachsenen freundschaftlichen Beziehungen ermöglichten die Offenheit während unserer Gespräche – gerade auch bei jenen Themen, die wir unterschiedlich beurteilten. Halten wir deshalb diesen gewachsenen Freundschaften Sorge!

Lassen Sie mich hier die Begegnungen mit den muslimischen Vertretern hervorheben: Unseren anspruchsvollen, nicht immer leichten Dialog – vor allem über die Themen Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit– müssen wir fortsetzen und weiter ausbauen, um den inneren Frieden in der Schweiz zu bewahren. Die gemeinsame Erklärung des SIG und des muslimischen Dachverbandes gegen Juden- und Muslimfeindlichkeit und Rassismus stiess 2018 auf ein hohes Interesse in der Öffentlichkeit; die Erklärung beeinflusste Stil und Inhalt der gesellschaftlichen Debatte. Wir erklärten damals gemeinsam: «Ziel ist es, ein Klima des wechselseitigen Respekts und der gegenseitigen Achtung zu schaffen. Dies ist die Grundlage eines echten Dialoges und dient zur Stärkung des religiösen Friedens zwischen allen Menschen.»

Dieser Dialog unter Religions-Vertretern ist umso wichtiger, als wir in einer Art Zeitenwende leben. Religiöses verliert zunehmend seine Deutungshoheit; das Verständnis für Religionsfreiheit wird in Frage gestellt. Wir leben in einer säkularisierten Welt, was die Rolle von Religionen in der Öffentlichkeit grundsätzlich verändert. In der westlichen Welt werden selbst Mehrheitsreligionen kaum mehr für die Wertevermittlung als zuständig erachtet. Mit Sorge beobachte ich deshalb die Tendenz, dass sich unsere Gesellschaft immer skeptischer gegenüber Lebensentwürfen oder Haltungen zeigt, die nicht den säkularen Mehrheitsmeinungen entsprechen. Eine Lebensführung, die sich an einer Religion orientiert, sieht sich zunehmend Anfeindungen oder gar Einschränkungen ausgesetzt.

Das betrifft besonders die Minderheitsreligionen, also uns Juden und die Muslime. Ich denke da an die Feiertagsdispense beim Schulbesuch, die religiösen Kleidervorschriften, vor allem aber die Brit Mila und das Schächten. Diese Entwicklung gibt uns zu denken, weil sie das Fundament einer vielfältigen Gesellschaft untergräbt. Verbote oder Einschränkungen würden dazu führen, dass sich viele Juden in unserem Land nicht mehr akzeptiert fühlen. Deshalb wehren wir uns gegen Einschränkungen und Verbote.

Wir beobachten aber auch innerhalb des Judentums einen Trend zur Säkularisierung; die Bedeutung der Religion nimmt ab – auch bei uns. Gleichzeitig bleiben aber auch säkulare Juden trotz allem weitgehend unseren jüdischen Traditionen, den Werten, der Geschichte und unserer Kultur verbunden. Diese wichtige Erkenntnis bleibt für mich gültig: Wer versteht, woher er kommt, gewinnt Orientierung - auch in der Gegenwart. Unser Freund Arthur Cohn sagte immer wieder, von seinen Eltern habe er Wurzeln und Flügel auf den Weg bekommen; Wurzeln, damit er wisse, wer er sei, Flügel, um in die Welt hinauszufliegen. Dasselbe durfte ich auch von meinen lieben Eltern erfahren, denen ich dafür mein Leben lang dankbar bin. Das Wissen um die Verwurzelung ist auch einer der Gründe, weshalb wir zusammen mit der ICZ einen grossen Teil der bedeutenden Bibliothek des Breslauer Rabbinerseminars pflegen, aber auch weshalb wir uns für das Projekt «Doppeltür» engagieren mit dem das frühere Zusammenleben von Juden und Christen in Endingen und Lengnau vermittelt wird.

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund wird sich in Zukunft noch stärker als in der Vergangenheit dafür einsetzen müssen, dass auch Minderheiten nach ihren Massstäben und Traditionen in Freiheit und ohne gesetzliche Eingriffe der Volksmehrheit leben können.

In der säkularisierten Gesellschaft wird dies zu neuen Auseinandersetzungen über das Verhältnis Staat – Gesellschaft – Religionen führen - vor allem in einer direkten Demokratie wie in der Schweiz. Der SIG muss sich hier an vorderster Stelle zu Wort melden. Dazu wünsche ich Ihnen Geduld, Unermüdlichkeit und Widerstandskraft. Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine freundliche Geste oder ein spontaner Witz hilft, sich näher zu kommen. Deshalb habe ich immer versucht, Auseinandersetzungen argumentativ und unaufgeregt und mit einem hohen Mass an Kompromissbereitschaft auszutragen.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, ich gestatte mir diese Abschiedsrede mit denselben Worten zu beenden, mit denen ich auch viele meiner Tours d’Horizon an den SIG-Delegiertenabenden beschlossen habe: Lassen Sie mich Ihnen allen, Ihren Familien und Gemeinden und nicht zuletzt natürlich auch dem SIG, unserem SIG, «Mazel und Broche» zurufen. Diese Worte vereinen uns alle – religiöse, säkulare, linke und rechte Juden.

Damit gebe ich das Wort und das Amt zurück – mit meinem tiefen Dank an Sie alle.


Diese Abschiedsrede von Herbert Winter war für die SIG-Delegiertenversammlung vom 18. Oktober 2020 in Bern vorgesehen. Wegen der coronabedingten Programmkürzungen konnte nur eine kurze Ansprache gehalten werden.