107. Delegiertenversammlung des SIG

16.05.2012, Zürich

Kwod Ha Rabbanim

Verehrte Ehrengäste und Delegierte,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde

Ich begrüsse Sie auch meinerseits ganz herzlich zum Abendprogramm der 107. Delegiertenversammlung des SIG und danke Ihnen sehr für Ihr zahlreiches Erscheinen.

Besonders danken möchte ich Herrn Stadtrat André Odermatt und Herrn Kantonsratspräsident Bernhard Egg für ihre inspirierenden und freundlichen Eingangsworte.

Ein ebensolcher Dank geht an die Co-Präsidenten der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, Shella Kertész und André Bollag, die dieses Jahr mit uns die Gastgeberrolle teilen. Ich freue mich ganz besonders, dass wir heute und morgen das Gastrecht der ICZ im frisch renovierten Gemeindehaus geniessen dürfen. Ich bin mit dieser Gemeinde selbst aufs Engste verbunden. Hier habe ich bereits als Kind den Religionsunterricht absolviert und mit lieben Menschen schon viele schöne Stunden zugebracht.

Erlauben Sie mir, in diesem Zusammenhang der ICZ ganz herzlich zu ihrem 150-jährigen Bestehen zu gratulieren! Diese Gemeinde wurde im Jahr 1862 von zwölf Zürcher Juden gegründet, und zwar nur drei Wochen, nachdem den Juden im Kanton Zürich nach Jahrhunderten der Verfolgung, Ausgrenzung und Ungleichbehandlung die Niederlassungsfreiheit und die volle Ausübung der Bürgerrechte gewährt wurde – und vier Jahre bevor derselbe Schritt auf Stufe des Bundes erfolgte. Ich hoffe, dass dieser Pioniergeist heute und morgen etwas auf uns abfärbt und wir eine anregende Zeit miteinander verbringen.

Die Freude darüber, dass wir uns unter interessierten und engagierten Gesprächspartnern zusammenfinden, gibt mir das Stichwort für eine einfache und deshalb besonders schöne jiddische Weisheit, die mir als Leitmotiv für meine kurze Ansprache dienen soll:

„Berge kommen nicht zusammen, aber Menschen.“

Berge, liebe Freunde, sind unverrückbar. Uns Menschen aber wurde die Fähigkeit nicht nur zur Mobilität, sondern auch zur geistigen Flexibilität mitgegeben. Davon sollten wir immer wieder aktiv Gebrauch machen. Mit diesem Sprichwort, das übrigens auch im persischen Raum und auch anderswo verwendet wird, möchte ich aber auch ganz bewusst eine positive Note setzen. Dies obwohl wir durchaus auch mit schwierigen Themen konfrontiert sind, oder mit Menschen, die uns nicht wohl gesinnt sind. Trotzdem überwiegen für mich immer die Chancen, die in Begegnungen auch mit Andersdenkenden stecken. Sie bieten Gelegenheit, Herausforderungen gemeinsam anzugehen, Lösungen zu erringen und sich neue Ziele zu setzen.

Dass Berge nicht zusammenkommen, Menschen aber schon, reflektiert auch unseren Anspruch im SIG. So führen wir regelmässig politische Gespräche mit sämtlichen grossen Parteien, gleich welcher Couleur, und übrigens auch mit den Vertreterinnen und Vertretern der Jungen innerhalb der Parteien. Diese Treffen, die wir zusammen mit der Plattform der Liberalen Juden der Schweiz durchführen, hinterlassen bei mir jeweils das gute Gefühl, dass hierzulande eine konstruktive Gesprächskultur besteht und wir als Juden mit unseren Anliegen ernst genommen werden.

Das heisst allerdings nicht, dass immer nur eitel Freude herrscht. Nach wie vor müssen wir sensibilisieren und argumentieren, insbesondere wenn es darum geht, dass die freie Religionsaus- übung unangetastet bleibt, gerade auch bei der fortschreitenden Säkularisierung unserer Gesellschaft. Vor allem seit der Annahme der Minarettverbotsinitiative ist immer wieder, und nicht nur hinter vorgehaltener Hand, von weiteren Einschränkungen die Rede. Diese werden oft damit begründet, dass heute immer mehr Menschen aus fremden Kulturkreisen zu uns kommen, die nicht integrationswillig seien. Dies mag wohl sein. Hier erinnern wir aber jeweils daran, dass vor noch nicht allzu langer Zeit auch von uns Juden gesagt wurde, dass wir uns in der Schweiz nicht integrieren könnten. Wir haben uns unsere Rechte über Jahrhunderte mit viel Geduld und Kompromissbereitschaft hart erkämpft und sind nicht bereit, diese unter denselben Vorwänden, die man nun anderen Minderheiten vorhält, wieder preiszugeben. Selbstverständlich verlangen wir von allen Menschen, die zu uns kommen, dass sie strikt unsere Gesetze befolgen und sich in unsere Gesellschaft integrieren. Aber Integration, das wollen wir absolut klarmachen, ist nicht dasselbe wie Assimilation, die in einer pluralistischen Gesellschaft nicht das Ziel sein kann. Die Freiheit, seine Religion ungehindert leben zu dürfen, ist ein wichtiges Element unseres liberalen Gedankenguts. Nicht nur als Jude und SIG-Präsident oder als Vorsitzender des Schweizerischen Rates der Religionen, sondern überhaupt als Schweizer Bürger setze ich mich vehement dafür ein, dass dies auch in Zukunft so bleibt.

Sind innen- und gesellschaftspolitische Themen vor allem mit dem rechten Parteienspektrum häufig Gegenstand intensiver Diskussionen, so sind es mit linken Parteien und Gruppierungen, und leider immer wieder auch mit kirchlichen Kreisen, die Diskussionen um Nahost und Israel. Wir stellen mit Besorgnis fest, dass beispielsweise Boykottforderungen gegen Israel in diesen Reihen nicht selten auf gewisse Sympathien treffen. Auch würden wir uns eine deutlichere Distanzierung von Regimes wie im Iran oder Organisationen wie der Hamas wünschen, die das Existenzrecht Israels ganz offensichtlich in Frage stellen oder gar klar verneinen. Zudem betrübt uns die immer wieder einseitige Parteinahme gegen Israel im Nahostkonflikt. Wir alle wissen, wie schwierig und komplex dieser Konflikt ist, und ich habe immer wieder betont, dass es dazu auch unter Juden bzw. Israeli keine einheitliche Meinung gibt. Klar ist aber, dass sich diese Auseinandersetzung nicht für eine derartige Schwarzweissmalerei eignet, wie wir das in der Schweiz leider oft erleben.

Vor einem Jahr habe ich an dieser Veranstaltung bereits den so genannten „arabischen Frühling“ angesprochen, und die Sorge vieler Juden vor der damit verbundenen Destabilisierung in der Region. In der Zwischenzeit hat sich einiges davon leider bewahrheitet, und viele sprechen mehr und mehr vom „arabischen Winter“. In welche Richtung sich die verschiedenen Länder entwickeln werden, ist derzeit noch nicht abzusehen. Vergessen wir nicht, Israel liegt im Zentrum dieser Region, ein kleiner demokratischer Rechtsstaat, der von vielen der umliegenden Länder bis heute nicht akzeptiert ist. Das Sicherheitsbedürfnis der israelischen Bürgerinnen und Bürger, die nichts anderes als dort in Frieden leben wollen, muss in dieser Diskussion ernst genommen werden.

Immer wieder stellen wir fest, dass der Nahostkonflikt auch als Ventil dient für allerlei antijüdische Ressentiments. Diese finden sich immer häufiger im Internet, welches wir vom SIG seit letztem Jahr systematisch beobachten. Hier lassen sich die entsprechenden Botschaften ganz offensichtlich besonders einfach und anonym verbreiten. Auffällig war in diesem Jahr auch die Verbreitung judenfeindlicher Verschwörungstheorien, die teilweise die Occupy-Bewegung als Plattform nutzten. An deren erster Demonstration auf dem Zürcher Paradeplatz verteilten etwa Rechtsextremisten Flyer, auf denen „die Juden“ für die Finanzkrise verantwortlich gemacht wurden. Solche Vorfälle einfach mit dem Verweis auf ein paar Spinner abzutun, wäre sicherlich zu kurz gegriffen. Wir werden weiterhin wachsam bleiben und das Thema auch in Politik und Öffentlichkeit immer wieder aufgreifen. In einem Land wie unserem, in dem Menschen mit unterschiedlichen Geschichten und kulturellen Hintergründen friedlich in einem gut funktionierenden Rechtsstaat zusammenleben, darf solches Verhalten nicht toleriert werden.

Aber zu glauben, dass ein gut funktionierender Rechtsstaat immun ist gegen extremistisches Gedankengut, ist offensichtlich eine Illusion. Sehen wir uns nur die Entwicklungen in Ländern wie Ungarn, Frankreich und Griechenland an, um nur einige zu nennen. Der Zulauf, den dort Rechtsextreme, ja offen faschistische Parteien, bekommen, ist erschreckend und muss uns alle aufrütteln.

In diesem Zusammenhang kommt mir in den Sinn, dass ich letztes Jahr die seltene Gelegenheit hatte, anlässlich einer Versammlung des World Jewish Congress in Jerusalem einer Rede des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres beizuwohnen. Er beschrieb dabei das jüdische Konzept, nach „Tikkun Olam“, der Verbesserung der Welt, zu streben, und dass dies zu erreichen eine klare Ausrichtung an moralischen Grundwerten bedinge. Moralische Grundprinzipien müssten somit höher gewichtet werden als andere Anreize und Herausforderungen. Zugleich beklagte er den Wertezerfall in gewissen Bereichen des Lebens, und dass politische und religiöse Extremisten, die unbehelligt den Hass auf andere Menschen oder Volksgruppen oder Religionsgemeinschaften predigen, die Moral in unserer Welt verderben.

Mich haben seine Worte, die nichts anderes aussagen, als dass es der Moral jedes Einzelnen bedarf, damit die Welt eine bessere wird, in ihrer Einfachheit und Offensichtlichkeit tief beeindruckt. Wem Moral zu abstrakt oder hochgegriffen ist, der möge auch einen Begriff wählen, der ihm näher liegt: Anstand etwa, oder Respekt. Oder uns allen bekannt, aber oft zu wenig ernst genommen, ist der Ausspruch des jüdischen Religionslehrers Hillel vor 2000 Jahren: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“.

Persönlich empfinde ich diese Aufforderung nicht in erster Linie als religiös, sondern als menschlich motiviert. Ich bin überzeugt, dass uns etwas mehr Moral, Nächstenliebe, Anstand oder Respekt guttun würden, sei es im zwischenmenschlichen Bereich, im innenpolitischen Diskurs, oder auch bei weltpolitischen Betrachtungen. Wir werden damit zu konstruktiveren Lösungen kommen, zu mehr Toleranz, aber auch zu mehr Freude im Alltag. Seien wir keine Berge, die sich nicht aufeinander hin bewegen können, sondern bekennen wir uns immer wieder dazu, Menschen zu sein, und offen für Begegnungen auf Augenhöhe.

Auf Augenhöhe sollten wir uns auch innerjüdisch begegnen. In diesem Sinne bin ich beeindruckt, dass im letzten Jahr eine heterogen zusammengesetzte Arbeitsgruppe des SIG einen Konsens erzielen konnte und morgen den Delegierten zukunftsorientierte Massnahmen vorschlagen wird, die den SIG für die jüngere Generation attraktiver gestalten werden. Dieser Arbeitsgruppe war es von Anfang an klar, dass es in unserer derzeitigen Struktur keinen ganz grossen Wurf geben kann. Sie hat eine Politik der kleinen Schritte verfolgt, die uns ganz gewiss weiterbringen werden. Dies ist aber sicher nicht das Ende der Bemühungen, den SIG zu modernisieren. Hoffentlich wird dann auch die allgemeine Bereitschaft innerhalb des SIG wachsen, sich an grössere Schritte heranzuwagen - für das Wohl unseres Verbandes und unserer Gemeinschaft.

Damit, liebe Freunde, komme ich zum Schluss. Lassen Sie mich zunächst den Organisatoren und den vielen Helfern danken, die diesen Anlass möglich gemacht haben, und dann mit denselben Worten schliessen, mit denen ich auch in den letzten Jahren meine Rede beendet habe: „Mazel und Broche“ heisst auf Jiddisch „Glück und Segen“, und es ist der Spruch, den wir Juden auf der ganzen Welt verwenden, um uns gegenseitig alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Nun lassen Sie mich „Mazel und Broche“ Ihnen allen zurufen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Aktivitäten, und weitere konstruktive Kontakte unter uns allen.

Herzlichen Dank.