1. August-Rede in Endingen

01.08.2016, Endingen

Liebe Endingerinnen und Endinger, sehr geehrte Damen und Herren

Beim Rütlischwur anno 1291 war – Sie sind kaum überrascht wenn ich Ihnen das nun sage – kein Jude dabei.

Es freut mich sehr, dass ich heute trotzdem zu Ihnen sprechen kann.

Als ich die Einladung erhalten habe, hier am ersten August die Festrede zu halten, fühlte ich mich sehr geehrt – und ich war doch auch ein klein wenig überrascht.

Warum lädt Endingen gerade mich ein, den Präsidenten des jüdischen Dachverbands SIG?

Wobei: lassen Sie mich meine einleitende Bemerkung zum Rütlischwur ergänzen: Vergessen Sie nicht, dass die ersten Juden schon vor den Christen auf dem Gebiet der heutigen Schweiz lebten. Mit den römischen Legionen kamen vor über zweitausend Jahren die ersten Juden in die Gegend - lange also, bevor sich das Christentum hier durchsetzte.

Doch auch das ist wohl kaum der Grund für meine Einladung als 1. August-Redner.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass man mich nicht eingeladen hat, weil man sich von mir einen Hauch Exotik versprochen hat: einen schwarzen Mantel, einen langen Bart, Schläfenlocken, einen Hut.

Denn ich weiss natürlich, dass Sie hier in Endingen keine so stereotypen Vorstellungen von Juden haben. In Endingen kennt man aufgrund der Geschichte Juden viel besser als anderswo, hier weiss man, dass Juden ganz normale Menschen sind.

Ich habe also weitergedacht, warum gerade ich eingeladen wurde.

Und ich kam auf den Schluss: Offensichtlich bin ich ganz einfach ein typischer Schweizer und der richtige Mann, um mit ihnen über die Schweiz – meine Schweiz, unsere Schweiz- zu sprechen.

Damit will ich aber keineswegs mich selber loben. Das Lob gilt vielmehr der Schweiz. Wie ich das genau meine, ist Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, spätestens am Ende meiner Rede klar.

Eine entscheidende Frage, die allerdings gleich zu Beginn geklärt werden muss, ist folgende: Welche Schweiz feiern wir heute eigentlich genau?

Ich bin in Ihren Augen hoffentlich kein Ketzer, wenn ich sage: Ich bin nicht in erster Linie hier, um den Rütlischwur von 1291 zu würdigen. Denn das wäre auch Ihnen gegenüber, liebe Einwohner von Endingen, nicht gerecht.

1291 fehlten auf der Rütliwiese nämlich nicht nur die Juden – auch Endinger waren bekanntlich keine dabei.

Es ist kein Geheimnis, dass der Rütlischwur für den Nationalmythos wichtig ist, die historische Bedeutung aber gering. Neben dem Rütlischwur, der im Bundesbrief besiegelt wurde, gab es damals noch dutzende andere Bündnisse, die wohl ebenso wichtig waren – sagen zumindest die Historiker.

Mythos und historische Wahrheit sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Diese gilt es zu unterscheiden – was nicht heisst, dass man Mythos und Geschichte gegeneinander ausspielen soll. Jede Nation braucht einen Mythos, der Identität stiftet. Und der Mythos vom Rütlischwur, in Kombination mit den 1. August-Feierlichkeiten, ist auch heute noch für viele Menschen in der Schweiz sehr wichtig. Der Spruch der drei Eidgenossen „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern“ hat sich seit meiner Kindheit auch in meinem Kopf eingebrannt. Der 1. August, den ich als Kind mit meiner Familie in den Sommerferien meist in den Bergen verbrachte, gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen – auch wenn damals immer mein Vater die Raketen gezündet hat, dabei hätte ich das doch so gerne selber gemacht! Mein Vater hat immer argumentiert, dass das Raketenzünden für Kinder zu gefährlich sei, was ich partout nicht einsehen wollte.

Doch all die schönen Legenden und Erinnerungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Eidgenossenschaft zu Beginn sehr blutig zu und her ging. Sie alle kennen die Schlachten von Morgarten und Sempach, um nur die bekanntesten zu nennen.

Die Menschen in den Urkantonen waren damals von grosser Armut geplagt. Haupt-Exportschlager waren Schweizer Söldner, die für gutes Geld in aller Welt ihr kriegerisches Handwerk ausübten – aus heutiger Sicht wahrlich kein Grund für Stolz und Festreden.

Im 14. Jahrhundert wurden fast alle Juden aus der Schweiz vertrieben oder verbrannt, worauf es in der Schweiz bis vor rund zweihundert Jahren fast keine Juden mehr gab – auch dies alles andere als ein Grund zum Feiern.

Endingen und Lengnau waren bekanntlich frühe Ausnahmen. Hier durften Juden seit dem 17. Jahrhundert als fremde Schutzgenossen Wohnsitz nehmen, deshalb lebte um das Jahr 1800 fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Schweiz in diesen beiden Dörfern.

Endingen und Lengnau waren also gewissermassen Pioniere im Zusammenleben mit anderen Religionen - und dies lange, bevor der Staat gleiche Rechte auch für Nichtchristen garantierte. Das Zusammenleben lief nicht immer ohne Konflikte – aber es funktionierte.

Sie merken, ich komme der Antwort auf die Frage, welche Schweiz wir heute feiern, langsam näher: Erst die Bundesverfassung von 1848 begründete die Schweiz von heute. Der Übergang von der Alten Eidgenossenschaft zum modernen Bundesstaat ist für die Gegenwart viel bedeutsamer als der Rütlischwur von 1291.

Wir müssen uns bewusst sein: Unsere moderne, tolerante, innovative, erfolgreiche und friedliche Schweiz ist noch nicht einmal 170 Jahre alt. Menschenwürde, Rechtsgleichheit, Niederlassungsfreiheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Pressefreiheit, Vereinsfreiheit, Handels- und Gewerbefreiheit, demokratische Rechte: All dies war erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Verfassung garantiert.

Für die Schweizer Juden ist das Jahr 1866 fast noch wichtiger als 1848. Erst die revidierte Verfassung von 1866 erlaubte den Juden, überall in der Schweiz zu wohnen, und erst acht Jahre später wurde schliesslich die Glaubensfreiheit für alle Religionen in der Verfassung verankert.

Seither ist die Freiheit von uns allen durch die Verfassung geschützt und gewährleistet. Diese Freiheit müssen wir jedoch jeden Tag neu leben und neu gestalten.

Das ist natürlich nicht immer einfach. Die Schweiz ist heute eine multikulturelle Nation. Juden sind ebenso Teil der Schweiz wie Katholiken und Protestanten, Rätoromanen, Walliser, Tessiner, Romands, Bergbauern, Städter – oder eben Endinger.

Jede Gruppe hat andere Interessen, hat andere kulturelle, religiöse und politische Vorlieben. Trotz aller Unterschiede doch einen gemeinsamen Nenner zu finden, ist nicht immer ein Zuckerschlecken. Einen Weg zu finden, damit alle ihr Leben nach ihren Vorstellungen leben können, ohne die anderen einzuschränken oder zumindest vor den Kopf zu stossen, ist zuweilen schwierig.

Die Schweiz setzt sich schon lange aus unzähligen Minderheiten zusammen, die sich kulturell, geschichtlich und von der Erfahrung her unterschiedlich definieren und unterscheiden. Auch die Gruppe, die viele etwas klischeehaft für die typischen Schweizer halten –bodenständige Christen, möglichst in ländlicher Gegend wohnhaft und idealerweise von bäuerlicher Herkunft – ist heute eine Minderheit unter vielen.

Was die „Mehrheitsgesellschaft“ sein soll, ist heute nicht mehr klar. Statt einer Mehrheitsgesellschaft gibt es viele Minderheiten.

Doch was verbindet diese Minderheiten?

Unser Land ist ein klassischer Fall einer Willensnation. Wir besitzen keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Religion, aber einen gemeinsamen Willen, der uns zusammenhält.

Man versteht sich fast immer als Schicksalsgemeinschaft in der Schweiz, die vielen Minderheiten wollen eben – bei allen Unterschieden – zusammen in derselben Nation leben.

Die Minderheiten verbindet weiter, dass sie alle Recht und Verfassung respektieren und die Schweizerischen Gepflogenheiten akzeptieren.

Und die Minderheiten verbindet, dass sie allesamt die Schweiz mitgestalten und weiterentwickeln, Lösungen für Probleme suchen und Kompromisse aushandeln.

Und schlussendlich verbindet uns doch auch der Mythos von den drei Eidgenossen auf dem Rütli, die schon 1291 ein „einig Volk von Brüdern“ sein wollten.

Wir sind heute ziemlich gut darin, ein „einig Volk von Brüdern“ zu sein. Es gibt neben der Schweiz nur wenige Staaten, in denen während so langer Zeit so verschiedene Kulturen und Sprachgruppen derart erfolgreich zusammenleben konnten.

Sich auf den Lorbeeren auszuruhen ist dennoch verboten. Bei der Einigkeit verhält es sich nämlich wie mit der Freiheit: Sie muss immer wieder aufs Neue erarbeitet werden.

Doch natürlich gibt es auch bei uns Probleme. Die globalen Umwälzungen gehen an unserer Schweiz nicht spurlos vorbei. Dass die aktuellen Wirren auf der ganzen Welt und die damit einhergehenden Migrationsbewegungen Ängste auslösen, ist wenig erstaunlich. Und doch bin ich überzeugt, dass wir die Herausforderungen meistern können, die auf uns zukommen. Unser Land ist stabil genug.

Und unser Land behandelt Menschen in Not so, wie es Moral und Anstand verlangen: menschlich. Und gerade mir als Schweizer Jude ist ein menschlicher Umgang mit Migranten wichtig. Die meisten der heute in der Schweiz lebenden Juden sind nämlich Nachfahren von Migranten.

Viele jüdische Familien, die ihre Wurzeln in Endingen oder Lengnau haben, leben zwar seit Jahrhunderten in der Schweiz. Sie alle, meine Damen und Herren, kennen wahrscheinlich ihre Namen: Bloch, Guggenheim, Dreyfus und Wyler, um nur einige zu nennen.

Der Grossteil der Schweizer Juden ist aber erst Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eingewandert. So kamen zum Beispiel auch meine Grosseltern auf der Suche nach einem besseren Leben aus Polen nach Zürich, wo sie eine neue Existenz aufbauten.

Die jüdischen Einwanderer, die vor über 100 Jahren und danach in die Schweiz kamen, gingen aktiv auf die Einheimischen zu. Sie passten sich an, ohne aber ihre jüdische Identität aufzugeben. Sie lernten die Sprache, bemühten sich stark um Integration und akzeptierten ohne Wenn und Aber die Schweizer Gesetze und Gepflogenheiten. Nur so konnten die Juden zum integralen und respektierten Bestandteil der Schweiz werden. Mit Ruth Dreyfus – Bürgerin von Endingen – stellten wir sogar die erste weibliche Bundespräsidentin!

Wenn wir heute im Zusammenhang mit Migration von Problemen sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass Einwanderung keineswegs nur Herausforderung, sondern auch eine Bereicherung für die Gesellschaft sein kann. Dazu braucht es aber zwei Dinge: Erstens braucht es eine tolerante Gesellschaft, die bereit ist, Migranten in ihrer Mitte aufzunehmen.

Zweitens müssen sich die Migranten auch selber stark um ihre Integration bemühen: Sie müssen die Sprache lernen, und sie müssen die hervorragenden Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten, die unser Land bietet, auch in Anspruch nehmen. Wenn sich Gesellschaft und Migranten beide anstrengen, kann das zu einem Gewinn für beide Seiten werden. Gerade auch die Geschichte von Endingen lehrt, dass die vermeintlich Anderen im Idealfall eine Gesellschaft bereichern können. Die Endinger Juden haben die Geschichte ihres Dorfes mitgeschrieben und bereichert.

Der Blick auf die Geschichte von Endingen eröffnet auch eine Perspektive für die Zukunft. Ich setze grosse Hoffnungen in das Projekt „Doppeltür“, welches die interessante christlich-jüdisch Geschichte ihres Dorfes und der Region darstellen will. Das Projekt bildet jedoch nicht nur einen wichtigen Baustein der Schweizer Geschichte ab – es zeigt auch einen möglichen Weg, wie Minderheiten und Mehrheiten miteinander leben und unser Land gemeinsam gestalten können.

Lassen Sie mich nun langsam aber sicher auf meine Ausgangsthese zurückkommen: Auf meine These nämlich, dass ich hierhin eingeladen wurde, weil ich gewissermassen der richtige Mann sei für eine 1. Augustrede in Endingen.

Während der Rekrutenschule wurde ich manchmal gefragt: „Warum machst du als Jude die RS, du bist doch kein Schweizer?“

Die allermeisten Menschen in der Schweiz – und ganz offensichtlich die Endinger - wissen das heute besser. Schweizer sein kann man als Jude genauso gut wie als Christ, Muslim, Buddhist oder Atheist. Man kann als Nicht-Christ Schweizer sein, und trotzdem die christliche Prägung unseres Landes anerkennen.

Entscheidend ist, dass man gemeinsam das Land gestalten will und sich auf den anderen einlässt. Und offenbar anerkennt man in Endingen, dass die jüdische Gemeinschaft und ich als deren Vertreter über diesen Willen zur Gestaltung genauso verfügen wie alle anderen Minderheiten in diesem Land – wie etwa die Endinger. Und wie es aussieht, teilt man in Endingen meine Meinung, dass nicht eine einzelne Gruppe unsere Schweiz ausmacht, sondern die Gesamtheit der vielen Minderheiten.

So interpretiere ich jedenfalls meine Einladung an das heutige 1. August-Fest. Ich bin für die Einladung sehr dankbar und sehe sie als eine grosse Ehre an.

Meine Schweiz ist nicht perfekt. Sie ist zum Beispiel manchmal etwas gar schwerfällig und konservativ: So war die Schweiz etwa viel zu lange „ein einig Volk von Brüdern“, und zwar ausschliesslich von Brüdern, während die Schwestern nichts zu sagen hatten.

Und doch lebe ich unglaublich gerne hier. Wer sein Land mitgestalten will, hat in unserer modernen Schweiz die Möglichkeit dazu – unabhängig von Religion und Herkunft. Unsere Schweiz ist heute ein Land, in der sich jeder Mensch entfalten und in Freiheit und Recht leben und gleichzeitig seine Identität wahren kann. Unsere Schweiz ist ein Land, in dem jeder Einwohner die Chance hat, sein Glück zu finden. Unsere Schweiz ist ein Land, das den Enkel von jüdischen Migranten aus Polen einlädt, um am Nationalfeiertag über die Schweiz zu sprechen. Wir haben also Gründe genug, heute unser Land zu feiern.

Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf ein weiterhin schönes Fest und spannende Gespräche.