Likrat Public – Wir gehen dorthin, wo der Schuh drückt

Nicht wenige orthodoxe Juden wählen im Sommer die Schweizer Bergregionen als ihr Ferienziel. Berge, Seen, Wanderwege, schlicht die wunderschöne Natur und die zahlreichen Freizeitangebote sind auch für diese Gästegruppe überzeugend. Aber nicht immer läuft ein solcher Besuch konfliktfrei ab. Das SIG-Dialogprojekt Likrat Public steht darum bereit, um Missverständnisse aufzulösen und gegenseitig Verständnis zu schaffen.

Ein Brief des Tourismuschefs von Davos an einen jüdischen Vertreter hat diesen Sommer einen Wirbel verursacht. Manche jüdisch-orthodoxe Gäste sollen sich nicht korrekt verhalten haben. Dies wollte er besprechen und Lösungen suchen. Der SIG hat sich umgehend mit allen Beteiligten in Kontakt gesetzt, die Wogen geglättet und gemeinsam konstruktiv Lösungen diskutiert. Als Fazit konnte einmal mehr festgestellt werden, dass die meisten solcher Vorfälle und die daraus entstandenen Irritationen sehr direkt auf kulturelle Missverständnisse und Unkenntnisse zurückgeführt werden können.

Glasklare Regeln – oder etwa nicht?

Diskussionsbedarf gab es nicht nur in Davos, sondern auch im Saastal, das ebenfalls ein beliebter Ferienort für jüdisch-orthodoxe Gäste ist. Diese kommen meist im Sommer während dreier Woche nach dem Fastentag Tischa beAv und vor Ende der Schulferien. Sie kommen ins Saastal und an andere Orte in der Schweiz, weil da einfach vieles stimmig ist. Die Schweizer Bergferienregionen bieten ideale Bedingungen für Familienferien: Grosse Ferienwohnungen, Angebote für Kinder und viele Ausflugsziele mit Seen, Bergen und einer schlicht schönen Natur. Teils bieten die einzelnen Regionen auch Gebetsräume oder koschere Einkaufsmöglichkeiten an. Was perfekt klingt, birgt aber auch Konfliktpotential. Schliesslich treffen hier unterschiedliche Kulturen aufeinander. Die jüdisch-orthodoxen Gäste halten sich in manchen Fällen nicht an glasklare Regeln. Glasklar sind diese aber wiederum nur für die Einheimischen, die die Nichteinhaltung als Affront empfinden. Glasklare Regeln gibt es auch auf Seiten der jüdisch-orthodoxen Gäste, die manchmal nicht wissen, dass diese in der Schweiz nicht gelten.

Mit Likrat Public nachhaltige Lösungen suchen

Solche Vorfälle sind nicht neu und passieren leider in einer gewissen Regelmässigkeit. Der SIG hat sich vor drei Jahren vorgenommen, diese Probleme intensiver und vor allem mit einem nachhaltigeren Ansatz anzugehen. Seither baut er Schritt für Schritt das Projekt «Likrat Public» aus. «Likrat Public» ist ein Spin-off des erfolgreichen Likrat-Dialogprojekts für Schulklassen. Es kümmert sich aber um Erwachsene und auch um Unternehmen speziell in der Tourismusbranche mit jüdischer Kundschaft. Das Ziel des Projekts kann auf eine einfache Formel gebracht werden, so Projektleiter Jonathan Schoppig: «Wir gehen direkt dorthin, wo der Schuh drückt. Wir reden mit allen Beteiligten. Wir schauen, wo wir helfen können. Wir wollen nicht verurteilen oder anklagen, sondern vielmehr aufklären und einen Dialog in Gang bringen.»

In Saas-Grund sollen sich alle Gäste wohl fühlen

Für Likrat Public hat Projektleiter Jonathan Schoppig schon mehrere Aufklärungs- und Sensibilisierungsseminare in Tourismusregionen durchgeführt. Vermehrt nimmt er sich auch ganz spezifische Fälle und Regionen vor und fährt hin. So auch vor zwei Wochen nach Saas-Grund. Dort erwartete ihn Gemeindepräsident Bruno Ruppen. Dieser hatte sich einen ganzen Tag Zeit genommen, um Jonathan Schoppig ein Bild zu vermitteln, wie der jüdische Ferien-Hotspot funktioniert. In Saas-Grund sind es im Sommer bis zu 40 Prozent jüdisch-orthodoxe Gäste, die die Wohnungen, Ferienangebote, Bahnen oder Restaurants nutzen. Insofern sind es eine wichtige Zielgruppe für die Ferienregion. Kulturelle Unterschiede, Missverständnisse bei Regeln und Unwissenheit bei den Einheimischen führen dann und wann aber zu Unstimmigkeiten. Das möchte Bruno Ruppen verbessern und war darum sehr erfreut, dass mit Likrat Public eine Ansprech- und Auskunftsperson für ihn aber auch die jüdisch-orthodoxen Gäste im Tal zu Besuch war. «Es ist unser Ziel, dass sich hier alle Gäste wohl fühlen», meint Ruppen und will dafür auch mehr tun. Ein weiterer Schritt ist ein Treffen zwischen Vertretern der Ferienregion, von Likrat und der jüdischen Gemeinschaft, um Massnahmen für das nächste Jahr zu planen.

Mehr Informationen: Hier klicken

Bild: Saas-Grund Gemeindepräsident Bruno Ruppen (links) mit Likrat-Projektleiter Jonathan Schoppig (rechts)

Jüdische Gäste – Wie ticken sie?

Speziell in der Hotelbranche können kulturelle Unterschiede zu Missverständnissen führen. Um diese möglichst zu verhindern, wurde das Projekt Likrat Public lanciert. Es soll nicht-jüdischen Organisationen helfen, jüdische Kunden besser zu verstehen. Mitarbeitende erhalten im Rahmen einer sogenannten Likrat Public-Begegnung die Chance, Unklarheiten im Verhalten, in der Kommunikation, bei Wünschen und Fragen im Umgang mit jüdischen Gästen zu klären.

Eine solche Begegnung kann im Rahmen einer Weiterbildung, eines Team-Building-Events oder als Einzelveranstaltung stattfinden. Das Angebot ist kostenlos und wird von spezifisch ausgebildeten jungen jüdischen Erwachsenen durchgeführt. Likrat Public ist ein Projekt des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG, dem Dachverband der jüdischen Gemeinden in der Schweiz. Weitere Informationen finden Sie auf www.likrat.ch.

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