Likrat goes Public 2019

Likrat Public war diesen Sommer sehr gefragt. Die Aufklärungs- und Dialogangebote des Projekts stossen auf grosses Interesse, wie auch der Gemeindepräsident von Saas Grund im Interview erklärt. Das Projekt nimmt seit seinem Start vor drei Jahren mehr und mehr Fahrt auf und wird in der Sommersaison 2019 mit mehr Angeboten aufwarten: mit Aufklärungsbroschüren und Vermittlern vor Ort.

Ende August gegen Abend hielt das Postauto in Saas-Grund und liess eine neunköpfige Gruppe Jüdinnen und Juden aussteigen. In Saas-Grund ist das im Sommer nichts Besonderes. Bis zu 2000 vor allem jüdisch-orthodoxe Gäste beherbergt der Ort in den drei Wochen nach dem Fastentag Tischa beAv. Diese drei Wochen waren bereits vorbei und die Gäste wieder abgereist. Die jüdischen Neuankömmlinge kamen aber auch nicht zum Entspannen und Ferien machen. Sie kamen im Rahmen des Likrat Public Projekts zu einem gegenseitigen Kennenlernen und Dialog mit den Einheimischen.

Warum verhalten sie sich denn so?

Im Gemeindehaus warteten auch schon gegen zwanzig Saastaler. Sie alle haben in irgendeiner Form etwas mit Tourismus zu tun, ob von den Bergbahnen, vom Tourismusbüro, seitens der Wohnungsvermieter oder vom öffentlichen Verkehr. Viel Einleitung brauchte die Likrat-Begegnung nicht. Die durchmischte und vielfältige jüdische Delegation teilte sich auf verschiedene Stehtische und Grüppchen von Einheimischen auf. Man merkte sofort, dass sich doch einige Fragen aufgestaut hatten und dass die Saastaler diese Chance auch nutzen wollten. Oft schienen die Antworten der jüdischen Gesprächspartner einfach. So erkundige sich diese Gästegruppe überdurchschnittlich oft telefonisch, was sehr viel Mehrarbeit verursache. Die Antwort war simpel: Viele von ihnen nutzen kein Internet. Manchmal wussten aber auch die jüdischen Experten und Expertinnen nicht weiter Was ja kein Wunder sei, so Rafael Bollag von der IRG in Zürich: «Es gibt nicht DIE Juden oder eine Gruppe. Es sind Individuen. Nur weil einige sich in ihrer Kleidung ähneln, heisst das nicht, dass diese zueinander gehören oder sich gleich verhalten würden.» Dass es unter Juden viele Unterschiede gibt und nicht alle in derselben Schublade Platz finden, war nach zwei Stunden Fragen, Gesprächen und Diskussionen klar. Ein erster Schritt hin zu einem verständnisvolleren Verhältnis zwischen der Gemeinde und ihren jüdischen Gästen war getan. Ganz wichtig war aber allen Anwesenden, dass es dabei nicht bleibt.

Mit Broschüren aufklären und mit Vermittlern klären

Auf die Sommersaison 2019 hin will Likrat Public nochmals einen grossen Schritt nach vorne machen. Das Programm mit Aufklärungs- und Sensibilisierungsseminaren vor allem für die Tourismusbranche wird mit Aufklärungsbroschüren ergänzt, um flächendeckender Menschen zu erreichen – und zwar auf Seiten der Einheimischen und auch der jüdischen Gäste. Die Broschüre für die Tourismus- und Hotelleriebranche soll helfen, Grundlagenwissen über das Judentum zu vermitteln, gängige Missverständnisse aufzuzeigen und Verständnis zu fördern. Für die Entwicklung darf der SIG auf die Zusammenarbeit von Tourismus Schweiz und hotelleriesuisse zählen. Eine weitere Broschüre richtet sich wiederum an orthodoxe Juden aus dem Ausland und nimmt aus ihrer Warte Themen wie Grundlagenwissen, Verhaltenstipps und Verständnisförderung auf. Schliesslich sollen in der Hauptsaison auch jüdische Vermittler vor Ort eingesetzt werden, um unkompliziert, schnell und unmittelbar Fragen zu klären und Lösungen aufzuzeigen. Ganz so, wie an diesem Abend im August im Gemeindehaus von Saas Grund.

«Vielfach ist es ein Kommunikationsproblem»

Bruno Ruppen, der Gemeindepräsident von Saas Grund, hatte Likrat Public nach Saas Grund eingeladen. Wir haben mit ihm gesprochen.

Kann man das Saastal als Hotspot für jüdische Gäste bezeichnen und warum?

Ich denke schon. Es hat sehr viele jüdische Gäste hier. 1000 bis 2000 Gäste sind in der Sommersaison, konzentriert während dreier Woche, zu Besuch. Sie sagen mir, es gefalle ihnen einfach hier: das Tal, die Berge und die Höhe. Es gibt auch mittlerweile Anzeichen, dass sie im Winter auch kommen.

Läuft das immer reibungslos mit den jüdischen Gästen oder gibt es da ab und an Schwierigkeiten?

Es gibt ab und zu Schwierigkeiten, ja. Mir ist es aber wichtig zu klären, warum es Schwierigkeiten gibt. Zum Beispiel war die falsche Müllentsorgung oft Thema, bis klar wurde, dass einige das von ihrer Heimat so nicht kennen. Vielfach ist es ein Kommunikationsproblem. Es ist ja auch so, dass es nicht nur jüdische Gäste sind, die Probleme bereiten. Sowas konzentriert nie auf eine Gästegruppe allein. Die jüdischen Gäste fallen einfach äusserlich mehr auf.

Heute ist Likrat Public mit einer grösseren Delegation auf ihre Einladung hin zu Besuch. Was bringt ihnen das konkret?

Die Hoffnung ist ja immer die, dass wenn man miteinander redet, dann damit gegenseitig Verständnis geweckt wird. So kommen sich die Leute näher und so wird es auch für alle Beteiligten einfacher, miteinander umzugehen. Das kann man auch nicht nur einmalig machen. Da müssen wir dranbleiben und solche Treffen fördern.

Wie könnte denn so etwas nächste Saison aussehen? Was wünschen Sie sich?

Ich würde mir wünschen, dass wir nächste Sommersaison Vertreterinnen und Vertreter jüdischer Organisation hier vor Ort haben. Das wäre ein grosses Plus, wenn diese mitarbeiten würden, wie zum Beispiel im Tourismusbüro. So kann vieles über einen direkten Kontakt geklärt werden. Das wäre ein nächster grosser Schritt.

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