SIG-Leadership-Seminar Next Step: Führung ist lernbar

Was macht eine gute Führungskraft aus? Ist Führung lernbar? Und was ist das eigentlich genau, Leadership? Das dreiteilige Seminar Next Step, organisiert vom SIG, dem deutschen Zentralrat der Juden und dem Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs IKG setzt sich mit genau diesen Fragen auseinander. Es soll die nächste Generation von jüdischen Führungskräften befähigen, in den Gemeinden, Vereinen und in der Wirtschaft Verantwortung zu übernehmen. Der 25-jährige Max studiert Politikwissenschaften, absolviert zurzeit ein Praktikum beim SIG – und nimmt am diesjährigen Next-Step-Seminar teil. Hier sein Bericht nach zwei von drei absolvierten Modulen

«Sieg! Wir freuen uns wie kleine Kinder. Mit 15.56 Sekunden gewinnt mein Team die Stacking Challenge. Bei dem Spiel geht es darum, innerhalb möglichst wenig Zeit verschiedene Steckleisten zu einem bestimmten Muster zusammenzusetzen. Der erste Versuch hatte noch 32 Minuten gedauert und war von Chaos geprägt. Mit dieser Übung zeigt uns Dozent Daniel Neubauer auf, welche Phasen ein neu entstandenes Team durchläuft, bis es wirklich gut zusammenarbeiten kann. Nach Tuckmans Modell durchläuft ein Team vier Phasen. Als erstes befindet man sich in der «Forming»-Phase. Das Team lernt sich kennen und entwickelt eine Gruppendynamik. Danach geht es in die meist chaotische «Storming»-Phase, in der jeder seine eigene Agenda durchsetzen will. In der anschliessenden «Norming»-Phase werden Grundregeln festgelegt, das Team setzt sich Ziele und einigt sich gemeinsam auf einen Ausführungsplan. Nun kann das Team in der «Performing»-Phase sein Potenzial ausschöpfen und auf hohem Niveau Leistung erbringen.

Ein Leader muss nicht alles selber können

Mein Team durchläuft in der Stacking Challenge exakt die Phasen des Tuckman-Modells. Die Extrovertierten stürzen sich sehr schnell in die Aufgabe und diskutieren hitzig, während die Introvertierten (unter anderem ich) zuerst die Aufgabenstellung analysieren und einen geeigneten Weg suchen. Der Teamleader ist selbst eine extrovertierte Persönlichkeit, die Stimmen der Introvertierten gehen dabei etwas unter. Zwei Frauen nehmen schliesslich das Zepter in die Hand, erklären ihren Lösungsansatz denjenigen, die zuhören, und kristallisieren sich als eigentliche Leader heraus. Entscheidend ist, wie die beiden Frauen mit den verschiedenen Persönlichkeiten umgehen. Sie lassen die Extrovertierten untereinander diskutieren, in der Hoffnung, dass sie dadurch auf einen gemeinsamen Lösungsweg kommen, während sie mit den anderen brainstormen. Im Anschluss moderieren Sie zwischen den zwei Persönlichkeitstypen und kommen auf eine effiziente Lösung, welche uns zum heldenhaften Sieg führt. In der Stacking Challenge erleben wir die Theorie ganz praktisch und können diese Phasen selber durchmachen. Mein grosser Lerneffekt in dem Spiel ist, dass eine Führungsperson nicht die Lösung für alles haben muss. Ein Leader muss aber wissen, wie er das volle Potenzial seiner Gruppenmitglieder ausschöpfen kann.

Vor dem Next-Step-Seminar konnte ich mit dem Begriff „Leadership“ nicht allzu viel anfangen. Ich hatte die Befürchtung, dass ein Leadership-Seminar etwas „gspürsch mi, fühlsch mi“-mässig sei. Aus diesem Grund erschien ich ohne grosse Erwartungen am ersten Tag des Seminars in Zürich. Aber der Dozent Daniel Neubauer wusste alle Teilnehmer von Anfang an zu begeistern. Schnell war klar, dass ich in den kommenden Tagen viel über mich selbst erfahren würde.

Extroviert ist nicht zwangsläufig besser

Der erste Teil des Seminars in Zürich befasste sich mit dem „Ich“. Wer bin ich überhaupt und wie führe ich mich selbst? Ich hatte vorher geglaubt, dass ich wisse, wer ich bin. Doch nach dem ersten Tag verliess ich den Seminarraum mit gemischten Gefühlen. Einerseits war ich total begeistert von dem Seminar. Andererseits erfuhr ich Dinge über mich selbst, denen ich bis anhin nie gross Beachtung schenkte. Ich sah meine introvertierte Persönlichkeit als Hindernis an, ein guter Leader zu sein. Und ich hatte bisher nie darüber nachgedacht, wie ich mit verschiedenen Persönlichkeitstypen umgehen sollte. An diesem Abend reflektierte ich den ersten Seminartag ziemlich intensiv.

Allerdings legte sich diese Verunsicherung im Verlauf des zweiten Tages. Ich lernte, dass ein extrovertierter Mensch nicht zwingend ein besserer Leader ist als ein introvertierter. Entscheidend ist vielmehr, wie man als Führungskraft mit den vielfältigen Persönlichkeiten in einem Team umgeht. Um das zu schaffen, muss ich mir zuerst im Klaren sein, wie ich selbst funktioniere und wie andere Personen mit anderen Persönlichkeiten funktionieren.

Theorie und Praxis spielerisch verknüpft

Der zweite Teil des Seminars in Berlin stand ganz im Zeichen der Teamarbeit. Wie führt man eine Gruppe, wie bringt man eine Gruppe zur Höchstleistung, und welche Eigenschaften können zu dysfunktionalen Gruppen beitragen? Dabei wurde die Theorie stets mit der Praxis verknüpft – etwa wie in der eingangs beschriebenen Stacking Challenge.

Im letzten Teil in Wien wird laut Programm Leadership im eigenen Umfeld behandelt. Bisher hatte ich noch nicht die Chance, in einer Challenge die Rolle des Teamleaders zu übernehmen – ich hoffe, dass es sich im dritten Teil ergibt. Mein Ziel für das kommende Seminar ist es, als Teamleader optimal die Introvertierten und Extrovertierten managen zu können, mit den Tools, die mir in Zürich und Berlin zur Verfügung gestellt wurden.

Am Ende des zweiten Teils bin ich nun nicht nur total begeistert von Daniel Neubauer und den Organisatoren, sondern ebenfalls von unserer Gruppe. Ich habe bis zum jetzigen Zeitpunkt bereits viel über mich selbst erfahren, was meinen Führungsstil ausmacht und in welchen Bereichen ich noch an mir selbst arbeiten muss. Das Gelernte wird mich ganz bestimmt in meiner beruflichen Zukunft und bei meiner Arbeit in der Gemeinde begleiten. Dafür bin ich sehr dankbar.»

Artikel in der Jüdische Allgemeine

Das Leadership-Seminar zahlt sich aus

Ein Ziel des Seminar ist es, dass sowohl die Teilnehmer als auch die jüdischen Gemeinden von den erlernten Kompetenzen profitieren. Nun tragen die Bemühungen Früchte: Drei Absolventen des Leadership-Seminars engagieren sich in ihrer Gemeinde. Michael Fichmann ist neu Vorstandsmitglied der ICZ und Nadine Stupp und Sandra Vogel wurden in die Jugendkommission der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ICZ gewählt.

«Der Inhalt hält, was das Programm verspricht. Die vermittelte Theorie und die herausfordernden praktischen Gruppenübungen helfen den Teilnehmenden ihre Leadership Skills zu entdecken und zu verbessern. Der Aufbau eines wertvollen Netzwerkes rundet das Leadership-Seminar noch ab. Denn für ein erfolgreiches Leadership braucht es beides: Leadership Skills und ein unterstützendes Netzwerk. Aufgrund meiner Teilnahme am diesjährigen Next-Step-Leadership-Seminar habe ich mich entschieden, mich an der Generalversammlung der ICZ zur Wahl als neues Mitglied der Jugendkommission zu stellen und mich aktiv für die neue Generation der ICZ zu engagieren», so Sandra Vogel.