CC-Jubiläum: 300 Sitzungen zum Wohle der Schweizer Juden

Im März trafen sich aktuelle und ehemalige Mitglieder des Centralcomités zur 300. Sitzung – 72 Jahre nach der Neuausrichtung. Gemeinsam blickte man auf die bewegte Geschichte des Gremiums zurück.

Zum Feiern ist niemandem zumute, als sich das Centralcomité (CC) am 10. Februar 1944 zum ersten Mal trifft. In Europa tobt der Krieg, die Nazis haben bereits einen Grossteil der europäischen Juden ermordet. So diskutiert das CC an der ersten Sitzung über Hilfe für jüdische Flüchtlinge: Es verabschiedet die Mitfinanzierung einer Kartei von Deportierten, sorgt dafür, dass orthodoxe Kinder in einem geeigneten Umfeld unterkommen, und versorgt jüdische Militärinternierte an Pessach mit Mazzot. Diese erste Sitzung dauert 8 Stunden!

Lockerer ist die Stimmung in Bern bei der 300. CC-Sitzung. Zu diesem Jubiläum wurden alle ehemaligen und aktuellen CC-Mitglieder eingeladen. Gemeinsam blickt man auf die bewegte Geschichte des Gremiums zurück, tauscht Erinnerungen aus und diskutiert die aktuelle Situation der Juden in der Schweiz. Myrthe Dreyfuss erinnert sich stolz an ihr Amt in der SIG-Geschäftsleitung und als ehemalige Präsidentin des VSJF: „Obwohl mein Privatleben unter der Tätigkeit gelitten hat, bereue ich mein Engagement nicht. Denn ich habe Geschichte miterlebt.“ Hohen politischen Besuch erhält das CC in der Person des israelischen Botschafters Jacob Keidar. Er lobt die gute Zusammenarbeit zwischen Israel und der Schweiz, erwähnt aber auch die unterschiedlichen Meinungen beispielsweise zur israelischen Siedlungspolitik. Für die Partnerschaft mit den jüdischen Gemeinden findet der Botschafter nur lobende Worte.

Im Centralcomité sitzt je ein Vertreter jeder SIG-Mitgliedgemeinde. Es begleitet die Tätigkeit der Geschäftsleitung und des Generalsekretärs, unterbreitet der Delegiertenversammlung Anträge zur Genehmigung der Geschäftstätigkeit, entscheidet über das Budget und kann Statutenänderungen beantragen. Kurz: Das CC vertritt die Delegiertenversammlung während des Jahres. Neben diesen statutarisch festgelegten Aufgaben bieten die CC-Sitzungen für die Mitgliedgemeinden eine wichtige Plattform, um ihre Anliegen, Probleme und Wünsche an den SIG anzubringen, auszutauschen und zu diskutieren.

Alain Schauder, CC-Mitglied

Als Präsident der Communauté israélite de Lausanne et du Canton de Vaud ist es für mich sehr wichtig, aktiv an den vom CC und vom SIG geführten Debatten teilzuhaben. Wir, die Gemeindemitglieder, sind verpflichtet, die Stimme der CIVL zu vertreten, und wir teilen unsere Probleme, unsere Erfahrungen und unsere Befürchtungen mit den anderen jüdischen Gemeinden, um Lösungen zu finden, von denen alle profitieren können. Es ist wichtig, unsere Mitglieder über diese Diskussionen zu informieren, damit sie verstehen, dass wir nicht isoliert sind, sondern mit anderen zusammenarbeiten – vor allem bei Sicherheitsproblemen, die uns im Moment enorm beschäftigen.

Daniel Frank, CC-Präsident

Als CC-Vertreter der Jüdischen Gemeinde Biel/Bienne, einer kleineren Einheitsgemeinde, ist es mir ein Anliegen, den inneren Zusammenhalt der jüdischen Gemeinden der Schweiz zu stärken. Auch das CC soll sich engagieren, um die Zusammenarbeit und Akzeptanz zwischen orthodoxen, konservativen und liberalen Gemeinden, zwischen Gemeinden in der französischen und deutschen Schweiz sowie zwischen grossen und kleinen Gemeinen zu fördern. Der Schutz unserer Mitglieder, vor allem unserer Kinder, und unserer jüdischen Institutionen gehört zu den vordringlichsten Aufgaben.

Darina Langer, ehemalige CC-Sekretärin

Während 20 Jahren betreute ich das Centralcomité als Sekretärin. In dieser langen Periode durfte ich mit den CC-Präsidenten Claude Nordmann, Gabrielle Rosenstein, Sabine Simkhovitch-Dreyfus, Felix Liatowitsch, David Jeselsohn und Pierre Ezri zusammenarbeiten. Mit ihnen allen wie auch mit den CC-Mitgliedern hatte ich eine äusserst herzliche Beziehung, und ich freute mich auf jede einzelne Sitzung, um sie zu treffen. Es herrschte nicht immer Einigkeit über die besprochenen Probleme, es gab auch Kritik und Unmut. Einige Themen wie etwa das Budget, die Aufnahme der liberalen Gemeinden oder die Statutenrevision wurden im CC heftig diskutiert und die Meinungen gingen weit auseinander. Bezüglich Israel, Sicherheit, Antisemitismus und Koscherfleisch manifestierte das CC jedoch absolute Einigkeit und unterstützte somit die Geschäftsleitung vollumfänglich.

Martin Rosenfeld, ehemaliger Generalsekretär

In meiner Erinnerung bleiben zwei Ereignisse haften: Die vorübergehende Suspendierung ihrer Mitgliedschaft beim SIG durch die beiden orthodoxen Gemeinden und die spätere Wiederaufnahme ihrer Mitgliedschaft nach zähen Verhandlungen. Für den SIG und das CC war dies eine grosse Belastungsprobe. Entsprechend geteilt waren die Meinungen im CC. Die einen sahen darin einen Erpressungsversuch, andere eine Chance für eine Annäherung an die liberalen Gemeinden. Schliesslich wurde jedoch die Rückkehr der orthodoxen Gemeinden in den Kreis des SIG einhellig begrüsst. Das andere denkwürdige Ereignis war das Ergebnis der Osloer Friedensverhandlungen und das Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern. Das CC nahm das Friedensabkommen mit grosser Freude und hohen Erwartungen auf. Die damalige weltpolitische Lage führte auch bei den Schweizer Juden zu viel Zuversicht und hohen Erwartungen. Sie sind längerfristig leider nicht in Erfüllung gegangen.

Pierre Ezri, ehemaliger CC Präsident

Das CC ist in meinen Augen vor allem ein Organ, das den Kontakt zwischen den Gemeinden im ganzen Land herstellt. Daneben übte es die Funktionen und Kompetenzen aus, die in den Statuten festgelegt sind und unterstützt und kontrolliert die Aktivitäten der Geschäftsleitung. In den Sitzungen haben die Mitglieder die Möglichkeit, sich über ihre Probleme auszutauschen und sich von den Erfahrungen anderer anregen zu lassen, und gelegentlich wird regionale oder sogar nationale Zusammenarbeit angestrebt.

Sabine Sabine Simkhovitch-Dreyfus, ehemalige CC-Präsidentin

Als ich ins CC eingetreten bin, war es grösstenteils, damit die Romandie in diesem Gremium präsenter ist. Ich habe mich übrigens nicht geirrt, denn in der ersten Sitzung hat man mich gefragt, ob ich als Vizepräsidentin des CC-Büros amtieren würde. Was man manchmal vergisst: Die CC-Sitzungen sind auch eine Gelegenheit, die Erfahrungen anderer Gemeinden kennenzulernen und ein Beziehungsnetz aufzubauen. Der Austausch, in dem alle Gemeinden vertreten sind, macht die wichtige Dimension des CC aus.