Buchvernissage «Ich glaubte ins Paradies zu kommen»

Vergangene Woche erschien Band 18 in der SIG Schriftenreihe «Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz». Die neueste Publikation «Ich glaubte ins Paradies zu kommen» von Lea Bloch folgt den Spuren von Kurt Bergheimer, später Bigler (1925-2007), der 1942 17-jährig alleine in die Schweiz flüchtete. Am 21. März fand im Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen die Buchvernissage statt.

«Ich malte mir die Schweiz mit so rosigen Farben aus, dass die Enttäuschung kommen musste. Ich glaubte ins Paradies zu kommen, alle Wirklichkeit war vergessen und ich dachte nur noch daran, wie schön ich dort lernen könnte und meine verlorene Heimat wiederfinden könnte.» Als Kurt Bergheimer 1942 als jugendlicher unbegleiteter Flüchtling in die Schweiz gelangte, stellte er sich die Schweiz als Paradies vor. Doch er merkte schnell, dass seine Erwartungen nicht der Realität entsprachen. Die Schweiz war kein paradiesischer Ort.

Die Historikerin Lea Bloch zeichnet im Buch «Ich glaubte ins Paradies zu kommen. Leben und Überleben des Flüchtlings Kurt Bergheimer in der Schweiz» die Biografie eines durch die Schoah gezeichneten Menschen nach und zeigt auf, wie sich Deportation, Flucht und die erlittenen Traumata auf die Existenz eines Überlebenden auswirken. Kurt Bergheimer gelang es, dank seiner aussergewöhnlichen Widerstands- und Anpassungsfähigkeit, in der Schweiz Fuss zu fassen. Er absolvierte eine Ausbildung und erhielt die Schweizer Staatsbürgerschaft. Dabei fand er in Bertha Bigler einen Menschen, welcher ihn stets unterstützte. Sie nahm den jungen Mann zuerst bei sich auf und adoptierte ihn später, wodurch er auch den Namen Bigler annahm. Ende der 1950er Jahre heiratete er Margrith Eggenberger, die von 1974 bis 1994 die erste Schweizer Bundesrichterin war.

Am 21. März 2018, just am Internationalen Tag gegen Rassismus, drängte sich die Besucherschar – über 150 Gäste – in den Vortragssaal des Historischen und Völkerkundemuseums in St. Gallen. Hier wurde die Veröffentlichung des Buches gefeiert.

Francine Brunschwig, Kulturverantwortliche in der SIG Geschäftsleitung, betonte in ihrer Ansprache, dass es Lea Bloch in der Biografie gelungen sei, die Leser die Widrigkeiten, Leiden und bürokratischen Hürden, welche die Flüchtlinge überwinden mussten, hautnah miterleben zu lassen. Ein weiteres Verdienst des Buches sei es, dass es aufzeigt, wie die persönliche Haltung von Menschen, ihr Mitgefühl genauso wie ihre mangelnde Empathie, ein Leben positiv oder negativ beeinflussen können. Francine Brunschwig erinnerte auch daran, dass Kurt Biglers Biografie sich einschreibe in die Tragödie der Schoah, welcher während des Jahres 2017 gedacht wurde, als die Schweiz die internationale Organisation IHRA (The International Holocaust Remembrance Alliance) präsidierte. Sie zeigte sich erfreut, dass die Schriftenreihe des SIG mit dem vorliegenden Buch einen Beitrag zu dieser wichtigen Erinnerungsarbeit leisten könne.

Prof. em. Dr. Jacques Picard hielt die sehr persönliche Laudatio. Besonders betonte er dabei, dass jüdische Flüchtlinge, die sich in der Schweiz niederliessen, keine Opfer, sondern Überlebende waren. Gerade diese ungeheure Kraft, die das Überleben freisetzte, war der Motor eines Kurt Bergheimer Biglers. In der Schweiz gelang ihm ein beeindruckender gesellschaftlicher Aufstieg. Lea Blochs Buch sei kein lautes Buch, aber ein wichtiges, denn es sensibilisiere uns auch dafür, dass heute weltweit Tausende junge Flüchtlinge unterwegs seien.

Dass der Kampf ums Überleben einen sehr hohen Preis hat, davon handelte der Vortrag der Autorin Lea Bloch. Sie reflektierte über Aspekte des biografischen Erzählens. Kurt Bergheimer Biglers Leben war von Verzweiflung und Zerrissenheit geprägt. Mit der Biografie gewährt uns Bloch einen Einblick in Kurts Emotionen und Wahrnehmungen. Ihre primären Quellen waren seine Tagebücher. Darin werden seine psychische Probleme und sogar Selbstmordgedanken offenbar, ebenso wie die Gefühle der Einsamkeit und der Sehnsucht, die in seinem Leben oft präsent waren. Bloch erzählt nicht chronologisch, sondern gliedert ihre Untersuchung in die zahlreichen Beziehungen, die Kurt auf verschiedenen Ebenen einging: sei es die Beziehung zur Schweiz, zu den Institutionen oder die gesellschaftlichen oder persönlichen Beziehungen. Diese ungewöhnliche Erzählweise ermöglicht es, ein sehr umfassendes Bild des Menschen zu zeichnen und etwas über die Vergangenheit zu erzählen, was über das biografische Wissen hinausgeht. Dies ist Lea Bloch in erhellender Weise gelungen.

Das Buch ist ab sofort im Buchhandel erhältlich oder kann direkt beim SIG oder beim Chronos Verlag bestellt werden.

Galerie: Buchvernissage «Ich glaubte ins Paradies zu kommen»

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