Aufruf der christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinschaft zum Flüchtlingssonntag und Flüchtlingssabbat

Hunger, Kriege und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit sind Gründe dafür, dass Europa in den letzten Jahren eine aussergewöhnliche Flüchtlingswelle erlebt hat. Mit dem Zustrom so vieler Menschen mit unterschiedlichen Hoffnungen und Wünschen sind die Gesellschaften dazu gezwungen, sich zu überlegen, wie sie mit ihnen umgehen wollen. Im diesjährigen Aufruf zum Flüchtlingssonntag und Flüchtlingssabbat vom 16./17. Juni rufen der SIG, der Schweizerische Evangelische Kirchenbund, die Schweizer Bischofskonferenz und die Christkatholische Kirche der Schweiz dazu auf, mehr auf Integrationspolitik zu setzen. Flüchtlinge sollen sich um das Wohl der Gesellschaft bemühen. Die Gesellschaft wiederum soll ihnen dafür den nötigen Raum und das Vertrauen schenken.

Wer auf gepackten Koffern sitzt, ist auf dem Sprung, entweder in den wohlverdienten Urlaub oder in die unbekannte und ungewisse Fremde. Die einen wollen einen Tapetenwechsel, die anderen werden zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen. Koffer markieren einen Aufenthalt auf Zeit und sind das Utensil der Reisenden genauso wie der Flüchtenden. Als Reiseziel winkt im günstigen Fall der entspannende Urlaubsort, im ungünstigen Fall die unsichere Diaspora oder das befremdliche Exil. Beide Reisegruppen erscheinen in den Gastländern in ganz unterschiedlichem Licht: Touristen sind als Wirtschaftsfaktor willkommen, weil sie für ihre Forderungen bezahlen. Flüchtlinge sind dagegen unbeliebt, weil sie die vertrauten Verhältnisse aufmischen und ihre Ansprüche Kosten verursachen. Beide Gruppen sind für die Einheimischen gleich fremd. Aber die einen reisen schnell wieder ab und sollen möglichst bald wiederkommen, während die anderen meist zu lange bleiben. Und wenn sie dann doch gehen, wünscht niemand ihre Rückkehr. Als Touristin oder Tourist liegt einem die Welt zu Füssen. Als Flüchtling wird die Welt zum gefährlichen Spiessrutenlauf.

Das rastlose und demütigende Unterwegssein in der Fremde nennen wir Odyssee, in Erinnerung an den Seefahrer aus der griechischen Mythologie, der als Krieger sein Zuhause verliess und nach vielen gefährlichen Irrfahrten in die Heimat zurückkehrte. Allerdings eignet sich der griechische Sagenheld nicht als Symbol und Prototyp für die moderne Flüchtlingsexistenz. Denn er verliess die Heimat mit einem konkreten Ziel und seine Rückkehr war von Anfang an fest eingeplant. Viel eher ähneln die heutigen Flüchtlinge dem biblischen Abraham, der die Heimat auf Geheiss Gottes verliess. Wie er ahnen auch die heutigen Flüchtlinge, dass sie niemals zurückkehren werden. Aus dem Einheimischen Abram wurde der Wanderer Abraham, dessen Heimat allein in der göttlichen Verheissung auf Heimat bestand.

Wer hier und heute das Eigene gegen die anderen verteidigt, setzt auf die falsche Heimat. Und wer hier und heute den anderen die Gastfreundschaft verweigert, riskiert die versprochene, wirkliche Heimat. Das klingt auf den ersten Blick sehr weltfremd. Aber das Gegenteil ist der Fall, wie der Prophet Jeremia zeigt. Er fordert die Flüchtlinge auf, die Koffer auszupacken und wegzustellen. Die Menschen sollen dort sesshaft werden, wo sie ihre Flucht hin gespült hat. Mehr noch, sie sollen sich um das Wohl der neuen Umgebung kümmern, weil sie selbst davon profitieren. Der alttestamentliche Prophet stellt nicht nur unsere Theologien, sondern auch unsere staatlichen Integrationspolitiken auf den Kopf. Die Aufgabe, für das Wohl der Stadt zu sorgen, reservieren wir üblicherweise für die Einheimischen. Und Flüchtlingspolitik wird zu einer Geste der Barmherzigkeit und Grosszügigkeit, die von den anderen nichts erwartet ausser möglichst umfassende Anpassung. Flüchtlinge werden bei uns ständig mit Forderungen konfrontiert, die Ausdruck unseres Misstrauens sind, möglichst enge, unattraktive Grenzen setzen und die Betroffenen bewegungs- und tatenlos machen.

Anstatt einer solchen Repressionspolitik setzt der Prophet auf echte Integrationspolitik: Die Sorge um das Wohl der Stadt ist die Aufgabe aller, vor allem die Sache der Flüchtlinge. Das klingt verrückt! Jeremia überträgt ausgerechnet den Fremden die Verantwortung für das Wohl der Stadt. Er verpflichtet sie darauf, weil er ihnen vertraut und um ihre Kompetenzen weiss. Gerade den Flüchtlingen mutet er die fundamentale Aufgabe für das Gemeinwohl zu. Das ist biblische Integrationspolitik!

Gottfried Wilhelm Locher, Präsident des Rates
Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund

Bischof Charles Morerod, Präsident
Schweizer Bischofskonferenz

Bischof Dr. Harald Rein
Christkatholische Kirche der Schweiz

Dr. Herbert Winter, Präsident
Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund

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